Aus tiefem Grunde

Susane Blöcker über Saskia Niehaus

Von tief unten beschwört Saskia Niehaus ihre, unsere Zwischenwelten herauf - stets offen, leichtfüßig zwischen den Medien wechselnd, sie miteinander verwebend: Skulptur wird malerisch, Zeichnung greift in den Raum aus. Mal spitzt sie präzise den Stift, dann arbeitet sie in großen tänzerischen Farbschwüngen mit beiden Händen. Magisch, mystisch mutet vieles bei Saskia Niehaus an – Mischwesen, halb Tier, halb Mensch springen uns aus ihrem Werk entgegen. Ein Salto Vitale. Denn auffallend, ja manchmal erschreckend unmittelbar ist ihre Lebendigkeit.
In zeichnerischen Kürzeln bedecken ihre Figuren die Papiere ihrer Skizzenbücher. Und noch während Saskia Niehaus in ihnen blättert, entwinden sich die momenthaften Liniengebilde, wollen plastische Gestalt gewinnen. Im Geäst eines dichten Drahtgeflechts, das ihnen Halt gibt, lässt sie sie aus ihren Händen erwachsen. Sie formt sie aus Hanf, Flachs, aus Zeitungs-, Back- und Seidenpapier, das sie in Kleister tränkt. Oft streift sie ihnen noch eine zweite lebendige Wachs-Haut über. Doch immer bleibt der Schaffensprozess sichtbar, ermöglicht das durchscheinende Drahtgerüst auch andere Perspektiven, springen ihre Gedankengestalten von dort auf große leuchtend farbige Blätter über, die Wände und Boden bedecken.
Seit ihrer Kindheit hält Saskia Niehaus fest, was sie sieht. Sie beobachtet genau innere wie äußere Phänomene. Schlaf- und Wachbewusstsein fließen ineinander. Mal ist es ein Ton, der Gestalt gewinnt, dann ein Erlebnis. Sie vergleicht sie mit momenthaften Noten, die eine Melodie erahnen lassen. Aber sie gibt sie uns nicht vor, sondern hält sie für uns offen. Und genau dies macht die Lebendigkeit ihres Werkes aus. Oft sind es sprechende Augen, die uns aus ihren Bildwelten entgegenschauen. Sie erwecken etwas in uns – eine Erinnerung, einen Klang, einen Moment der Öffnung für innere Welten. Stechend gelb leuchten sie aus gemalten hellblauen Farbköpfen hervor. Dann greifen sie gar zu uns in den Raum über bei „Und sie sah, dass es gut war“. Animalisch von energetischem Rot, verwurzelt sich die auf drei Blätter verteilte biblische Schönheit auf dem Boden, vermittelt Erkenntnis eines anderen möglichen Seins, verwandelt sich, gewinnt skulpturale Gestalt in „aus tiefem Grunde“. Mit ihrem raschelnden Papierkörper schwebt sie uns wie eine Windsbraut entgegen, schlägt in uns Wurzeln, legt Verborgenes offen. Während in den Zeichnungen daneben vielschichtige Geschöpfe in leuchtend farbiger lustvoller Ekstase über die Wand tanzen. Sich umarmend, verwachsen sie miteinander. In fortwährendem Schöpfungsprozess gebären sie unendlich viele neue Gestalten, die Atelierwände, Sockel und Boden bevölkern, mal klein, mal großformatig, flach oder skulptural. Oft sind sie eindeutig tierischer Natur, haben die kraftvolle Präsenz eines Pferdes, einer Katze, eines Fuchses, mal verschmelzen sie mit Frau wie Mann und potenzieren ihre Energien. Oft sind es Vögel, die Saskia Niehaus von Kindheit an begeisterten in ihrer zerbrechlichen Verletzlichkeit, Nestflüchtlinge, die zwischen Leben und Tod schwebten. Damals half sie ihnen ins Leben zurück. Im Atelier erwuchs daraus ein kleiner skulpturaler hell leuchtender Gedanken-Phoenix, gerade im Begriff, den Schädel, der ihm als Basis dient, zu verlassen. Krähengleiche über ihm haben bereits Luft und Wand erobert, während sie uns neugierig mustern. Keiner von ihnen, das spüren wir, will uns Böses. Es ist ein liebevolles Miteinander. Keinen von uns lassen sie unberührt. Sie sind ein Teil der Künstlerin, die teilweise eigene Haare in sie verwoben hat. Im tänzerischen Sprung, im Salto Vitale reißt sie, reißen sie uns mit in ihre Bildwelten.
Es ist ein reicher Lebensraum, der uns hier erwartet: anfangs durch die Lehrenden Ludmilla von Arseniew und Timm Ulrichs an der Kunstakademie Münster begleitet, dann durch viele Stipendienaufenthalte u.a. in Rom, Florenz und Berlin ausgeweitet. So hat die Kunst von Saskia Niehaus das Fliegen gelernt – im freien Schwung zwischen den Gattungen und berührt von allem, was sie umgibt. Heute bringt sie es uns bei, leichtfüßig, tänzerisch, mit kraftvollem Farbschwung auf weichem Drahtgeflecht. Manchmal aber entwindet sie sich. Um in ihrer Atelierwagen-Eremitage auf einem Eifeler Wiesenhügel zu neuen Gedankenflügen aufzubrechen, zu vitalen Sprüngen in eine Kunst, die uns für die Zukunft noch vieles bereit hält.

Laudatio auf Saskia Niehaus  zum Friedrich-Vordemberge-Stipendium bildende Kunst,

Prof. Dr. Manfred Schneckenburge

Meine Damen und Herren,
 
Saskia Niehaus ist eine Zeichnerin. Das klingt einfach, fast simpel - und ist doch genauer, charakteristischer, als wenn ich sagen würde: Sie ist eine Malerin. Eine Zeichnerin - das ist keine Berufsbezeichnung; sie sieht die Welt mit dem Zeichenstift. Mehr noch : der Zeichenstift ist ihre Welt und - das ist am wichtigsten - erschafft ihre Welt. Saskia Niehaus hält nicht ständig fest, was sie sieht - der eine Typ einer manischen Zeichnerin. Saskia Niehaus sieht, was sie zeichnet - der andere Typ einer ( manischen? ) Zeichnerin. Ihr Stift verzerrt das Intime ins Groteske und macht das Groteske intim - jene wuselnde Welt fetter kleiner Nakedeis, wegen deren winzigen Häkchen unter dem Bauch Saskia Niehaus sogar einmal aus einer Ausstellung geflogen ist. Sie zeichnet nicht ab; diese rennende, sich bückende, drehende, kletternde comédie humane ist ihre Kreation, sowie der Miniaturenzoo ihre Schöpfung ist. Beide sind auf einem sperrigen, immens flexiblen, treffsicheren Strich gezogen; eine Welt, die niemals in die Karikatur kippt, sondern vollkommen autonom und für sich existiert. Dieser Strich ist weder illustrativ noch schmeichlerisch und schon gar nicht zu geschönt. Er umreißt knapp, ohne wie Stacheldraht zu ätze. Er wölbt Volumina, ohne die Kontur zu verlassen. Er hat seinen eigenen Willen, ohne zum abstrakten Selbstläufer zu werden. Kurz, er ist reich wie das Leben selber und fasst so ein ganz authentisches Weltbild ein. 
 
Einen frechen Miniaturkosmos als ein Universum aus Bögen, Linien, dichteren Strichnestern.
Der Horizont , vor dem sie zeichnet, reicht von paläolithischen Höhlenbildern über den schlagenden Linienwitz Wilhelm Buschs bis zu den evolutionsgesättigten Frottagen Max Ernsts.
Ich weiß nicht, ob die Künstlerin diesen Namen zustimmt, doch sie wirft einen enzyklopädischen Reichtum zeichnerischer Möglichkeiten aufs Papier, in dem eine komplette Entwicklungsgeschichte der Zeichnung und des Zeichnerischen steckt.
 
Ich frage mich, ob damit neuerdings auch ein gezeichnetes Parallel-Universum der Evolution verbunden ist. Sind diese Urvögel, vogelartigen Dinosaurierhälse und Quastenflosser, nicht selber in der Entwicklung begriffen - in der Natur wie aus ihrem eigenen Strich ? Lebt in diesen Raubfischen, neben friedlich harmlosen Flossenträgern, diesem Drachenhals neben schlummernden Seehunden nicht eine natürliche Grausamkeit, fressen oder gefressen werden, friss oder stirb. So bringt Saskia Niehaus mit ihren Zeichenstrichen nicht nur ein ganzes Bestiarium, sondern ein Welt-Bild hervor.
 
Auch die winzigen Skulpturen reichen über sich selber hinaus. Ein Erdhaufen, in den eine Pferdeherde gesenkt ist, wird zur weiten Landschaft und verändert so völlig die räumliche Dimension. Auch diese Tiere aus Ton reagieren, wie die Zeichnungen auf Fingerdruck. In den Zeichnungen sind es Konturen, hier sind es die Volumina, die mit bildnerischem Esprit verschmelzen. Abstraktion und Witz stecken hier vor allem in einer Umgebung, die nur angedeutet und doch von starker Suggestion ist.
 
Unabhängig voneinander haben die Jury-Mitglieder, jeder für sich, Saskia Niehaus ausgewählt.
Jeder kam aus einer anderen Richtung - und plötzlich trafen wir uns. Bei dieser Zeichnerin, die auch wunderbar modelliert. Die Entscheidung konnte nur einstimmig sein.

Zur Verleihung des Albert Stuwe Preises für Zeichnung Ennigerloh 2001 an Saskia Niehaus

Prof. Udo Scheel

Tiere bleiben stets tierisch, während Menschen sich unmenschlich, oft auch allzu menschlich gebärden können.
Mit sicher figurierender Kontur zwischen zügiger handschriftlicher Notiz , gestisch-expressivem Kürzel und kraftvoll definierender Setzung , entwirft und umreißt Saskia Niehaus ein Figurenpantheon von eindrücklicher Präsenz. Ungewohnt Kombinationen und Konstellationen von menschlichen und tierischen Bildakteuren führen zu hintergründig-grotesken Szenarien. Der jeweilige Einfall gewinnt im offenen Prozess der Zeichnung an Schärfe und Prägnanz. Oft ist bei Saskia Niehaus drastische Thematik an miniaturistische Intimität gebunden.Die Entschiedenheit des Deutlichen überdeckt das Empfindsame, Zarte und Leichte nicht
Beides zusammen macht die Spannung und Poesie dieser Blätter aus.
 
Menschen, Tiere und Gerät haben ihren stummen Auftritt auf weißem Grund. Sie nehmen keine Positionen in bildnerischen Ordnungssystemen ein, z.B. in Räumen oder Landschaften, sondern werden unvermittelt miteinander in Beziehung gesetzt. Frauen und Männer in ungeschminkter, also ungeschönter Nacktheit treffen auf Dinge und Tiere, teilen mit ihnen die Bildbühne und führen immer neue und überraschende Facetten der „Comédie humaine“ vor. Tiere unter sich, aus Naturzusammenhängen gelöst, beeindrucken durch eigene, exzentrische Zurschaustellungen. Während giftgrüne Alligatoren laszive Nymphen verschlingen, pendeln andere Reptilien gelangweilt an den Bildrändern. Igel laufen aus dem bild. Ungefiederte Jungvögel stürzen ab. Manches ist gedehnt, anderes gebläht, geschrumpft, verdreht, deformiert oder fragmentiert und doch in gewisser Weise auch anrührend. So ist es eben! Hier wird nichts beschönigt. Die von Harmoniesierungssehnsucht gespeisten Klischees fegt die Künstlerin mit Scharfsinn und Witz aus ihren Bildszenarien. Indem sie mit gespitztem Stift die Lust und Last der menschlich-tierischen Sexualität umkreist, nähert sie sich den großen Lebensthemen: dem Entstehen und Vergehen, der Verbindung und Trennung, der Lust und der Angst, dem irdischen Paradies und der irdischen Hölle. Mit decouvrierender Klarheit und pointierter Schärfe führt sie Protokoll, aber sie denunziert nicht. Anteilnahme, Humor, kritischer Selbstbezug und künstlerische Originalität heben ihre Werke über die kommentierend illustrative Ebene hinaus.
 
Bei Saskia Niehaus können wir erleben, dass wir uns in unserer Vielschichtigkeit im Grotesken und Absurden oft eher wiederfinden als im Abbildhaften.
Das gelingt aber nur, weil sie uns mit ihrer Kunst verzaubert.“ nie sind diese Personen (Anm.: einen dichterischen Werkes) kausal erklärbar. Andere Interessenszusammenhänge schieben sich in die psychologischen. Insgesamt ästhetische“ ( Robert Musil )
 
Ihre Werke schmücken allerdings weniger, als dass sie uns im Inneren berühren und bewegen.