Aus tiefem Grunde, Katalogtext Salto vitale

Dr. Susanne Blöcker, Arpmuseum Rolandseck

Von tief unten beschwört Saskia Niehaus ihre, unsere Zwischenwelten herauf - stets offen, leichtfüßig zwischen den Medien wechselnd, sie miteinander verwebend: Skulptur wird malerisch, Zeichnung greift in den Raum aus. Mal spitzt sie präzise den Stift, dann arbeitet sie in großen tänzerischen Farbschwüngen mit beiden Händen. Magisch, mystisch mutet vieles bei Saskia Niehaus an – Mischwesen, halb Tier, halb Mensch springen uns aus ihrem Werk entgegen. Ein Salto Vitale. Denn auffallend, ja manchmal erschreckend unmittelbar ist ihre Lebendigkeit.
In zeichnerischen Kürzeln bedecken ihre Figuren die Papiere ihrer Skizzenbücher. Und noch während Saskia Niehaus in ihnen blättert, entwinden sich die momenthaften Liniengebilde, wollen plastische Gestalt gewinnen. Im Geäst eines dichten Drahtgeflechts, das ihnen Halt gibt, lässt sie sie aus ihren Händen erwachsen. Sie formt sie aus Hanf, Flachs, aus Zeitungs-, Back- und Seidenpapier, das sie in Kleister tränkt. Oft streift sie ihnen noch eine zweite lebendige Wachs-Haut über. Doch immer bleibt der Schaffensprozess sichtbar, ermöglicht das durchscheinende Drahtgerüst auch andere Perspektiven, springen ihre Gedankengestalten von dort auf große leuchtend farbige Blätter über, die Wände und Boden bedecken.
Seit ihrer Kindheit hält Saskia Niehaus fest, was sie sieht. Sie beobachtet genau innere wie äußere Phänomene. Schlaf- und Wachbewusstsein fließen ineinander. Mal ist es ein Ton, der Gestalt gewinnt, dann ein Erlebnis. Sie vergleicht sie mit momenthaften Noten, die eine Melodie erahnen lassen. Aber sie gibt sie uns nicht vor, sondern hält sie für uns offen. Und genau dies macht die Lebendigkeit ihres Werkes aus. Oft sind es sprechende Augen, die uns aus ihren Bildwelten entgegenschauen. Sie erwecken etwas in uns – eine Erinnerung, einen Klang, einen Moment der Öffnung für innere Welten. Stechend gelb leuchten sie aus gemalten hellblauen Farbköpfen hervor. Dann greifen sie gar zu uns in den Raum über bei „Und sie sah, dass es gut war“. Animalisch von energetischem Rot, verwurzelt sich die auf drei Blätter verteilte biblische Schönheit auf dem Boden, vermittelt Erkenntnis eines anderen möglichen Seins, verwandelt sich, gewinnt skulpturale Gestalt in „aus tiefem Grunde“. Mit ihrem raschelnden Papierkörper schwebt sie uns wie eine Windsbraut entgegen, schlägt in uns Wurzeln, legt Verborgenes offen. Während in den Zeichnungen daneben vielschichtige Geschöpfe in leuchtend farbiger lustvoller Ekstase über die Wand tanzen. Sich umarmend, verwachsen sie miteinander. In fortwährendem Schöpfungsprozess gebären sie unendlich viele neue Gestalten, die Atelierwände, Sockel und Boden bevölkern, mal klein, mal großformatig, flach oder skulptural. Oft sind sie eindeutig tierischer Natur, haben die kraftvolle Präsenz eines Pferdes, einer Katze, eines Fuchses, mal verschmelzen sie mit Frau wie Mann und potenzieren ihre Energien. Oft sind es Vögel, die Saskia Niehaus von Kindheit an begeisterten in ihrer zerbrechlichen Verletzlichkeit, Nestflüchtlinge, die zwischen Leben und Tod schwebten. Damals half sie ihnen ins Leben zurück. Im Atelier erwuchs daraus ein kleiner skulpturaler hell leuchtender Gedanken-Phoenix, gerade im Begriff, den Schädel, der ihm als Basis dient, zu verlassen. Krähengleiche über ihm haben bereits Luft und Wand erobert, während sie uns neugierig mustern. Keiner von ihnen, das spüren wir, will uns Böses. Es ist ein liebevolles Miteinander. Keinen von uns lassen sie unberührt. Sie sind ein Teil der Künstlerin, die teilweise eigene Haare in sie verwoben hat. Im tänzerischen Sprung, im Salto Vitale reißt sie, reißen sie uns mit in ihre Bildwelten.
Es ist ein reicher Lebensraum, der uns hier erwartet: anfangs durch die Lehrenden Ludmilla von Arseniew und Timm Ulrichs an der Kunstakademie Münster begleitet, dann durch viele Stipendienaufenthalte u.a. in Rom, Florenz und Berlin ausgeweitet. So hat die Kunst von Saskia Niehaus das Fliegen gelernt – im freien Schwung zwischen den Gattungen und berührt von allem, was sie umgibt. Heute bringt sie es uns bei, leichtfüßig, tänzerisch, mit kraftvollem Farbschwung auf weichem Drahtgeflecht. Manchmal aber entwindet sie sich. Um in ihrer Atelierwagen-Eremitage auf einem Eifeler Wiesenhügel zu neuen Gedankenflügen aufzubrechen, zu vitalen Sprüngen in eine Kunst, die uns für die Zukunft noch vieles bereit hält.

Laudatio zum Friedrich-Vordemberge-Stipendium bildende Kunst

Prof. Dr. Manfred Schneckenburger

Meine Damen und Herren,
Saskia Niehaus ist eine Zeichnerin. Das klingt einfach, fast simpel - und ist doch genauer, charakteristischer, als wenn ich sagen würde: Sie ist eine Malerin. Eine Zeichnerin - das ist keine Berufsbezeichnung; sie sieht die Welt mit dem Zeichenstift. Mehr noch : der Zeichenstift ist ihre Welt und - das ist am wichtigsten - erschafft ihre Welt. Saskia Niehaus hält nicht ständig fest, was sie sieht - der eine Typ einer manischen Zeichnerin. Saskia Niehaus sieht, was sie zeichnet - der andere Typ einer ( manischen? ) Zeichnerin. Ihr Stift verzerrt das Intime ins Groteske und macht das Groteske intim - jene wuselnde Welt fetter kleiner Nakedeis, wegen deren winzigen Häkchen unter dem Bauch Saskia Niehaus sogar einmal aus einer Ausstellung geflogen ist. Sie zeichnet nicht ab; diese rennende, sich bückende, drehende, kletternde comédie humane ist ihre Kreation, sowie der Miniaturenzoo ihre Schöpfung ist. Beide sind auf einem sperrigen, immens flexiblen, treffsicheren Strich gezogen; eine Welt, die niemals in die Karikatur kippt, sondern vollkommen autonom und für sich existiert. Dieser Strich ist weder illustrativ noch schmeichlerisch und schon gar nicht zu geschönt. Er umreißt knapp, ohne wie Stacheldraht zu ätze. Er wölbt Volumina, ohne die Kontur zu verlassen. Er hat seinen eigenen Willen, ohne zum abstrakten Selbstläufer zu werden. Kurz, er ist reich wie das Leben selber und fasst so ein ganz authentisches Weltbild ein. 
Einen frechen Miniaturkosmos als ein Universum aus Bögen, Linien, dichteren Strichnestern.
Der Horizont , vor dem sie zeichnet, reicht von paläolithischen Höhlenbildern über den schlagenden Linienwitz Wilhelm Buschs bis zu den evolutionsgesättigten Frottagen Max Ernsts.
Ich weiß nicht, ob die Künstlerin diesen Namen zustimmt, doch sie wirft einen enzyklopädischen Reichtum zeichnerischer Möglichkeiten aufs Papier, in dem eine komplette Entwicklungsgeschichte der Zeichnung und des Zeichnerischen steckt.
Ich frage mich, ob damit neuerdings auch ein gezeichnetes Parallel-Universum der Evolution verbunden ist. Sind diese Urvögel, vogelartigen Dinosaurierhälse und Quastenflosser, nicht selber in der Entwicklung begriffen - in der Natur wie aus ihrem eigenen Strich ? Lebt in diesen Raubfischen, neben friedlich harmlosen Flossenträgern, diesem Drachenhals neben schlummernden Seehunden nicht eine natürliche Grausamkeit, fressen oder gefressen werden, friss oder stirb. So bringt Saskia Niehaus mit ihren Zeichenstrichen nicht nur ein ganzes Bestiarium, sondern ein Welt-Bild hervor.
Auch die winzigen Skulpturen reichen über sich selber hinaus. Ein Erdhaufen, in den eine Pferdeherde gesenkt ist, wird zur weiten Landschaft und verändert so völlig die räumliche Dimension. Auch diese Tiere aus Ton reagieren, wie die Zeichnungen auf Fingerdruck. In den Zeichnungen sind es Konturen, hier sind es die Volumina, die mit bildnerischem Esprit verschmelzen. Abstraktion und Witz stecken hier vor allem in einer Umgebung, die nur angedeutet und doch von starker Suggestion ist.
Unabhängig voneinander haben die Jury-Mitglieder, jeder für sich, Saskia Niehaus ausgewählt.
Jeder kam aus einer anderen Richtung - und plötzlich trafen wir uns. Bei dieser Zeichnerin, die auch wunderbar modelliert. Die Entscheidung konnte nur einstimmig sein.

Laudatio zum Zonta Art Award 2022

Dr. Martina Padberg, Kunstmuseum Ahlen

Liebe Saskia, liebe Bettina Böttinger, liebe Frau Eßer, liebe Frau Professor Schmidt- Koddenberg, lieber Jochen Heufelder, meine sehr verehrte Damen und Herren,
herzlich willkommen, heute morgen in der Fuhrwerkswaage. Ich finde es wunderbar, liebe Saskia, dass Dir in diesem Jahr der ZONTA Cologne Art Award zugesprochen wurde, und es ist mir eine große Freude die Laudatio, Dir eine Lobrede, halten zu dürfen.
Und dennoch: Ich weiß nicht, wie es Ihnen gerade geht, aber mir fällt es zunehmend schwer, mich auf das zu konzentrieren, was sonst meinen schönen Arbeitsalltag bestimmt: Eine Ausstellung vorbereiten, einen Katalog fertigstellen, eine Rede formulieren. Meine Gedanken und Gefühle sind im Moment sehr besetzt von dem, was sich „da draußen“ abspielt. Ich spüre eine eine Sorgenlast, eine Unsicherheit wie wohl nie zuvor in meinem Leben und ich frage auch zunehmend, nach der Relevanz dessen, was ich, was wir tun. Oder besser: ‚es‘, das Leben, die Welt fragen mich. Und deshalb muss ich diese Laudatio anders beginnen, als ich es wohl sonst getan hätte.
Als ich mit Dir, Saskia, bei meinem Atelierbesuch in der letzten Woche eher am Rande über die zwei zurückliegenden Jahre sprach, erinnerten wir uns beide, dass die unerhörte Vollbremsung, die im Frühjahr 2020 stattfand, zunächst auch so etwas wie eine Chance zu sein versprach. Der völlige Stillstand des öffentlichen und privaten Lebens machte es damals möglich, darüber nachzudenken, wie wir mit uns selbst, wie wir miteinander und wie wir mit dieser Welt eigentlich umgehen und in Zukunft umgehen wollen. Wie würden wir alle weitermachen, wenn die Krise eines Tages überwunden wäre? Ließe sich das globale Miteinander noch einmal ganz neu erfinden? Könnten aus Verlusten auch Zugewinne entstehen, aus Verzicht eine neue Qualität? Aber dann gab es keinen Neustart, die Chance wurde vergeben. Unser Hunger nach Ressourcen, nach dem Maximum von allem, was möglich ist, war stattdessen ganz schnell wieder da. Er schien nur eine Weile zwangsreguliert und wollte jetzt umso mehr und umso schneller befriedigt werden.
Zwischenzeitlich haben sich längst neue, noch viel dramatischere Probleme auf die weltpolitische Tagesordnung gedrängt. Benennen muss ich gar nicht, was uns da alle gerade umtreibt – aber klar ist: Es geht in diesen Wochen, Monaten, vielleicht Jahren um nichts weniger als um unsere Zukunft und um die Zukunft derer, die nach uns kommen. Vor vier Tagen sprach der UN-Generalsekretär Antonio Guterres vor der UN-Vollversammlung davon, dass unser Planet brennt, dass die Gräben zwischen Nationen und politischen Systemen tiefer und die Ungleichheit der Lebenschancen von Menschen größer werden – und dass es, wie immer, die Verletzlichsten sind, die am meisten leiden. Sehr ernste Worte in einer sehr schwierigen Zeit.
Und aus diesem Momentum heraus, anders geht es gar nicht, schauen wir auch in diesen Ausstellungsraum und auf dein Werk, liebe Saskia. Was begegnet uns? Meine erste Antwort: Das Leben! Und zwar das wirkliche Leben in seinen ambivalenten Formen und Gestalten, in seiner Vielfalt, seiner Rätselhaftigkeit, in seinen Widersprüchen. Wesenhaft verkörpert zeigt sich das Leben in deinem Werk mit all der dazugehörenden Lust und all dem Schmerz, aller Schönheit und Hässlichkeit, aller Zerbrechlichkeit und Stärke. Das Leben steckt in deinen Arbeiten, in Zeichnungen und in Skulpturen, im Gesehenen und Geformten, im Gefundenen und Gemachten, das Leben ist da drin, gerade weil es sich als ein gefährdetes, beschädigtes Leben zeigt.
Du hast mir sehr plastisch beschrieben, dass all diese Figuren, die heute die Fuhrwerkswage bevölkern, die Männer und Frauen, die Vögel, das Pferd, die Kuh, der Schwan – dass sie alle in die Welt wollen und in die Welt kommen – als von Dir erträumte, erfühlte, mit Auge, Hand und Herz hervorgebrachte Wesen. So, wie sie eben sind. Skurrile, nackte Geschöpfe, die ihre Verletzlichkeiten, ihre Bedürftigkeit und ihren Lebenswillen herzeigen und damit alles das, was wir nur mühsam unter Kleidung und Rolle verbergen können. Manchmal sind es merkwürdige Zwitterwesen aus Tier und Mensch, manchmal kuriose Liebespaare, die sich umarmen, miteinander tanzen, sich lecken, verschmelzen – einfach so ohne Scham. Sie formen sich ganz ‚handgreiflich‘ aus Ton oder Wachs, aus Papier oder Pappmaché, aus Fasern, aus gefundenen Baumzapfen, eigenen Haaren, aus Gips, Draht oder Holzstückchen. Sie wachsen oftmals Schicht über Schicht, und bleiben dann vollendet in einem unvollendeten Zustand, so als könnten sie sich später auch ohne die Künstlerin weiterentwickeln, sich noch ein weiter entfalten, ihr eigenes Leben führen und irgendwann vergehen. Und gleichzeitig bleiben sie, obwohl sie „da sind“, auch immer Material oder Linie, Farbe und Strich, Oberfläche. Sie tragen den Prozess ihrer Entstehung sichtbar in sich und an sich. Durchlässig und brüchig bleiben sie, sodass wir in sie hinein oder durch sie hindurchsehen und sie erkennen können.
Saskia Niehaus arbeitet bei aller klugen Reflexion über das, was sie tut, sehr intuitiv, wenn sie es tut. Sie lässt sich leiten von einem Geräusch, einem Ton, einer Melodie, einem Impuls, einem Zustand, einer Erinnerung, ihrem Körper. Sie lässt sich treiben, sie bewegt sich tastend vorwärts, lässt kommen, was kommt. Wenn man eine solche Weise als „spielerisch“ bezeichnet, muss man genauer definieren, was damit gemeint ist. Die Qualität des freien Spiels entdeckte die Romantik gegen Ende des 18. Jahrhunderts, also genau in dem Moment, in dem die industrielle Revolution den Menschen unter den Rhythmus von Maschine und Fabrik zwang. Das Spiel wurde zum Gegenmodell von Effizienz und Zweckdienlichkeit. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, so schreibt es Friedrich Schiller in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1794). Sich spielerisch ausprobieren wie ein Kind, sich dabei selbst vergessen und genau dadurch zu sich zu kommen! Wenn man das Glück hat, im Atelier von Saskia Niehaus zu Gast zu sein, weiß man plötzlich ganz genau, was das bedeutet. Im Sinne Schillers ist das ein Ort verwirklichter menschlicher Freiheit. Kunst und Leben fallen da ganz organisch ineinander, genauso wie Körper und Geist, wie Form und Bewegung. Das weckt Erinnerungen an Momente in der Kindheit, in der es leicht war, sich ganz hinzugeben, an eine Beobachtung, an einen Moment, an ein zielloses Tun. Es hat etwas sehr Tröstliches, dass eine solche Form der Unmittelbarkeit offensichtlich an kein Alter gebunden ist, sondern reanimierbar bleibt.
Dabei hat Saskia Niehaus dennoch einen stringenten künstlerischen Weg zurückgelegt. Seit Abschluss ihres Kunststudiums an der Akademie in Münster im Jahr 1996, arbeitet sie als freie Künstlerin in Köln und in der Eifel, und konnte ihre Arbeiten seitdem in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zeigen. Verschiedene Reisestipendien haben sie u.a. mehrmals nach Italien aber auch nach Berlin geführt. Ich bin deinem Werk erstmals vor über 20 Jahren in deiner Einzelausstellung im Sinclair Haus in Bad Homburg begegnet und habe deine unverwechselbare Bildsprache nie mehr vergessen.
Deine Wesen und Gestalten, die nun in die Fuhrwerkswaage eingezogen sind, kennen keinen Zeitgeist und sprechen doch in unsere Zeit. Man muss sie nur eine Weile betrachten – still und geduldig. In unserer hochartifiziellen, vollvernetzten, digitalisierten Welt helfen sie uns, einen Zugang zu finden zu unserer eigenen Kreatürlichkeit. Ihre mangelnde Perfektion tröstet uns über unsere Fehler und Begrenztheiten hinweg. Unserem Gefühl, nicht ausreichend zu sein, begegnen sie mit ihren Versehrtheiten. Unsere inneren und äußeren Verhärtungen weichen angesichts ihrer Zartheit und ihrer Bedürftigkeit dahin. Und in unsere ständige Aufgeregtheit hinein, erzählen sie uns ein paar lakonische Wahrheiten, zum Beispiel, dass sie auch ohne uns ganz gut zurechtkommen. Aber: „Keinen von uns lassen sie unberührt“, schreibt Susanne Blöcker sehr wahr in ihrem wunderbaren Essay im Katalog zur Ausstellung. Ja, der künstlerische Kosmos von Saskia Niehaus schenkt einen Erfahrungsraum der Empathie. Ihre Figurationen sind Einladungen zum Einfühlen und Mitfühlen. Wenn wir ihnen gegenüberstehen, erleben wir uns als Wesen, die nicht dazu gemacht sind, um ‚cool‘, um kalt zu bleiben, sondern die sich anrühren und sich bewegen lassen. Das ist ein leiser, aber starker Impuls. Ein Impuls mit Veränderungspotential. Ohne politische Themen zu verhandeln, entwickelt sich daraus durchaus auch eine politische Dimension und eine politische Qualität.
Die Tier- und Menschenwelt von Saskia Niehaus lässt uns auch erkennen, dass das Leben immer fragmentarisch bleibt und dass es unmöglich ist, sich krisenfest und sicher in der Welt einzurichten. Scheitern und Verluste gehören dazu. Das bedeutet aber keinen Mangel, das ist kein systemischer Fehler des Mensch-seins sondern kann, im Gegenteil, zu einem abenteuerlichen Leben verführen, zum „Salto vitale“. Es ermutigt dazu, sich trotz aller Widrigkeiten immer wieder beflügeln zu lassen – auch heute, in ernsten und schwierigen Zeiten.
Liebe Saskia, ich gratuliere Dir von Herzen zum Zonta Cologne Art Award 2022.

Verdichtungen o.T., Katalogtext Licht im Wasser

Prof. Dr. Raimund Stecker

"Nachdem sie gemeinsam das Kunstwerk erlebt hatten, sprachen sie hernach nicht darüber, sondern bewiesen einander der Liebe." Peter Handke – Die Geschichte des Bleistifts

Nie vorsichtig, doch immer einfühlsam. Immer direkt, doch nie eindeutig.
Nie auffällig, doch immer augenfällig. Immer gekonnt, doch nie virtuos.
Nie mich betreffend, doch immer mich mitmeinend. Immer menschelnd, doch nie sentimental.
Nie szenisch real, doch immer träumerisch wahr. Immer unterbewusst existent, doch nie an die Oberfläche der Wirklichkeit hochgespült.
Nie narrativ, doch immer Gegebenheiten vorspiegelnd. Immer figurativ gebunden, doch nie sich darin erschöpfend.
Nie bedrückend, doch immer ein wenig bedrängend. Immer (zumindest leicht) beklemmend, doch nie zuschnürend, da im Hintergrund stets auch ein auffangendes Lächeln wartet.
Nie ausweglos, da immer ironisch gebrochen – mithin offen.
Nie stilisiert, doch immer klar als Zeichnungen erkennbar, die nur von Saskia Niehaus stammen können.

Eine erzeichnete Welt tut sich angesichts der Zeichnungen, Reliefs und Skulpturen von Saskia Niehaus auf, eine, die ins Sichtbare gehoben werden muss, da sie ansonsten unentborgen bliebe.
Eine ältere Zeichnung zeigt mit feiner Linie ge- und umrissen, licht koloriert, zugespitzt farblich pointiert, aufs Wesentliche reduziert und komponierend verdichtet beispielsweise ein armlos nacktes Paar. Es kann sich nicht umschlingen – und dies nicht nur, weil es sich eben nicht zu umarmen vermag. Rücklings auf dem Boden liegend sind die beiden nämlich unter ihren angewinkelten Knien zusammen gebunden. Und die Seilenden führen in die Höhe. Auch also wird suggeriert, dass sie an einem Trapez hängen könnten. (Das Wort Trapez ruft in diesem Moment übrigens unweigerlich das Wort ratlos in mir auf, da sich Alexander Kluges „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ zwischen Anschauung und Deutungsabsicht drängt.)
Über ihnen dann, im imaginären Dreieck des Seils, ein Pferd, das nach rechts hin grast und nach links verbunden war (und noch immer leicht ist) mit vier kleinen Rädern, also einem Wagen. (Alberto Giacomettis Duisburger „Frau auf dem Wagen I“, – sie steht „noch“ in einem gerüstartigen Käfig – tritt mir vor Augen.) Hat das Pferd seine Gebundenheit an seinen Wagen verlassen? Hat es sich – übrigens eine Stute – befreit? Zeigt das Pferd, dass möglich ist, was unmöglich erscheint – eben sich von Fesseln zu befreien? Stellt die Pferdeszene eine Realutopie vor und bildet als solche einen Handlungshorizont für das Paar? Ist das eindeutige Zeichen des Pferdes als Stute ein Verweis auf eine spezifisch weibliche Befreiungsenergie? Ist Liebesenergie von den beiden Verbundenen – aber auch Gefesselten – gefordert, um sich zu befreien?
Die männliche Bereitschaft zu lieben ist offensichtlich formuliert und der Gesichtsausdruck der Frau scheint die letzte Frage positiv zu bejahen. (Saskia Niehaus ist also im Gegensatz zu Alexander Kluges Artisten nicht ratlos.)
Das Entbergen von nicht offen sichtbaren, wohl aber fühl-, wünsch- und träumbaren Szenen erweist sich ca. zehn Jahre nach ihren ersten Ausstellungen als das Quantum Kontinuum der Kunst Saskia Niehaus'. Die Zeichnungen sind im Format größer, bisweilen groß geworden. Der gezeichnete Strich nähert sich den Spuren einer Bewegung an, die nicht mehr „nur“ aus dem Handgelenk, sondern aus dem ganzen Körper heraus kommt. Kompositorisch sucht sie eine Verdichtung auch im Hinblick auf das Porträt und vor allem auf einzelne Begebenheiten hin. Und eine eigene Koloriersprache bildet sich mehr und mehr als Spezifikum ihrer Werke aus: Oft ist rot, worauf insbesondere das Augenmerk gerichtet werden soll. Und dieses „Auspunkten“ gilt auch für solche Werke, die sich entfernen von der Schilderungsfläche des Blattes. Dies gilt sowohl für ihre aus Papierpulp geschöpften, sich leicht von der Wandfläche wölbenden, also zum Relief sich neigenden Arbeiten. Wiewohl es auch in ihren Skulpturen zu finden ist, die bisweilen durch ihre wächserne Oberfläche auch Einblicke in subkutane, farbige Schichten oder Unterhäute geben, also dünnhäutig daherkommen. (Die Köpfe von Medardo Rosso scheinen hier Orientierung gegeben zu haben.)
Die Veränderungen (gern spricht man ja auch von Entwicklungen) in ihren Werken sind zweifelsfrei Verdichtungen! An die Stelle zweier oder auch mehrerer Szenen, die miteinander korrespondieren, die einander bedingen, tritt oftmals eine einzige Schilderung, eine, die sich nunmehr zum Beispiel aufgrund feiner ausgearbeiteter Physiognomien aber keineswegs als weniger komplex erweist.
Erwartungsgeladen verängstigt kauert so beispielsweise ein kaum mehr „Mann“ zu nennendes, gleichwohl aber eindeutig als männlich farblich akzentuiertes Wesen auf dem Boden. Bedroht oder imponiert zeigt er sich von einem offensichtlich jedweder Erektionsprobleme ledigen, sich vor ihm aufbäumenden übergroßen Kater. Eine andere Arbeit stellt zwei maskenhafte Wesen vor – lachend, grölend Urlaute ausstoßend. Sie begegnen einander als aus Ton geformte Skulpturen. Stehen sie nebeneinander, so ist der Betrachter eingebunden in ihre „Performance“, stünden sie sich aber gegenüber, so geriete der Betrachter in die Zuschauerrolle und das skulpturale Ensemble gerierte sich zur Szene.
Aber Saskia Niehaus stellt sie eben eindeutig nebeneinander. Sie konfrontiert folglich unzweideutig den Betrachter mit der Szene, bindet ihn also ein und verunmöglicht so eine gleichsam aus dem Theater gekannte Distanz. Hierin liegt die Wendung, die sich im Laufe des vergangenen Dezenniums in ihrer Kunst eingestellt hat: Der die Werke betrachtende Betrachter wird zum an der Szenerie teilnehmenden Teilnehmer. Und in Bezug zu den beiden aufgrund ihrer Nichtkolorierung wie Schatten dastehenden Wesen: Die beiden blöken mich an – oder halten sie gar mir den Spiegel vor?

Das Wort existentiell ist schnell geschrieben, will man Kunst dergestaltiger Intensität auf einen kommunizierbaren Nenner bringen. Es klingt ernsthaft, macht betroffen und gibt dem Gesagten eine Aura von Nichthinterfragbarkeit.Existentiell ist der Häufigkeit seines Worteinsatzes folgend heutzutage vieles. Nahezu inflationär, und mithin in der Komplexität seines Gehaltes bedroht, scheint sich das Existentielle in allen Lebensbereichen als Seriösitätshorizont eingenistet zu haben.
Wie soll man nun mit der Bezeichnung existentiell umgehen, wenn das Bezeichnete wie im Falle der Werke von Saskia Niehaus zutiefst existentiell ist? Eben, man muss damit beginnen, den Wortmissbrauch zu benennen, um der Wortbedeutung zu der ihr eigenen Aussagekraft (wieder) zu verhelfen.
Die Werke von Saskia Niehaus geben beispielsweise mindestens auf zwei Ebenen zu erfahren, wie sich Existenzielles heute zeigt. Sie geben zum einen zu erfahren, was es bedeuten kann, zeichnen, malen und skulpieren gleichsam zu müssen, um das Leben in einen operativen Griff zu bekommen. Eine für Künstler zweifellos wesenhafte Erfahrung. Und – zum zweiten – sie geben anschaulich wahrzunehmen, wie von den eigenen Existenzbedingungen nicht abzusehen ist, vertieft man sich in sie. Eine für jeden Betrachter höchst gewinnbringende Dimension.
Der Horizont, unter dem das Sehen der hier zu verhandelnden Werke sich zu ereignen vermag, ist so sichtbar gemacht. Die sich befreit zu haben scheinende, nackte Tänzerin auf dem mundwunden Elefanten ist dennoch offensichtlich gefährdet. (Das Rot steht im Bilde wie das wundrote Innenfutter im Porträt Pedro Romeros von Francisco de Goya.) Allein das Riesentier scheint noch in der Lage, sie aufzufangen. Und nichts deutet darauf hin, dass dies nicht geschehen wird. Denn die Zeichnung (und zwar die Zeichnung als Zeichnung, nicht die Darstellung) gibt dem Auge das Vertrauen, dass aufgefangen wird, wer zu springen beabsichtigt. (Eine humane Dimension, wie man sie zuletzt aus Zeichnungen von Thomas Schütte oder auch Thomas Lehnerer kennt.)
Die beiden untrennbar verwobenen Ebenen der Werke sind benannt: die der Erzählung, der Schilderung, der Darstellung und die der Art und Weise der Erzählung, der Schilderung und der Darstellung, die dem Erzählten, Geschilderten und Dargestellten bildliche Anschauung verleihen. Und Letzteres – das Rhetorische oder Grammatische – geschieht in der Kunst von Saskia Niehaus nie virtuos gelöst vom Inhaltlichen, sondern immer untrennbar mit ihm gebunden. Gebunden zu einer den Gehalt formulierenden, offenkundig von einer einfühlsamen Künstlerin unentfremdet verantworteten Einheit – zu einer aus Künstlererfahrungen transformierten Welt, die (auch) den Betrachter auf seine Existenzbedingungen zurückwirft.

im Katalog zur Ausstellung Ästhetik der Natur im Sinclair-Haus, Bad Homburg in Kooperation mit dem Museum Wiesbaden, 2012

Belebtes/Gestorbenes, zum Leben erweckt, im Tode posierend.
Ein begehbarer Raum mit Körpern. Diese sind angehalten in einem eindrucksvollen Bewegungsmoment und museal den BetrachterInnen dargeboten. Die Larve eines Flughundwesens wird in stattlicher, beinahe menschlicher Pose zur Anschauung gebracht. Hat das Tier zu Lebzeiten je so in der Luft gehangen?
Ich sehe den ledrigen Umhang seiner Flügel an einigen Stellen eingerissen und verwittert. Aderdurchzogen erinnert er mich an die Zeit, als dieser Körper ein lebendiger war, durchströmt von Lebenssäften, erfüllt mit pulsierenden Zellen, fortwährend atmend.
Diese vom Leben erschaffene und durch sein Leben geprägte Form des ausgestopften Tieres, von kundiger Menschenhand der Verwesung entzogen und kunstvoll drapiert, beeindruckt mich und ermöglicht in der Zusammenschau mit den von mir geschaffenen Werken eine ungewöhnliche Perspektive.
Als Künstlerin forme ich aus unbelebter Materie durch meine Vorstellungskraft und die Fähigkeit meiner Hände lebensnahe Gebilde, wohlwissend, dass diese niemals von Atem, Blut, Lebenssäften, sowie eigens entstehenden Gefühlen erfüllt werden können. Sie erscheinen in unserer Realität als Einladung an sehende, fühlende, fragende Menschen, ihnen Einlass zu gewähren in unseren Lebensfluss. Zuweilen vermögen sie diesen Lebensfluss sogar wieder neu bewusst zu machen, zu berühren und zu bereichern.
Die Skulptur des sich in die Lüfte orientierenden Vogels („o.T", 2005) vereint das Moment des Wachsens, Werdens und des mit ihm einhergehenden Verfalls in sich. Scheint das Tier auf der einen Seite ein fliegenlernender Jungvogel zu sein, so ist auf der anderen Seite (und das ja wirklich materiell formuliert) schon der Verfall, das Verwittern nach dem Ableben zu sehen. Die Wandlung, das Auflösen der Form, im Fall dieses Gebildes das Leichte, Durchlässige, dem Winde, den Lüften Platzmachende.
Es ist eine skurrile Situation, dieses Vogelwesen vis à vis zu der tapfer im Raum verharrend wirkenden Flughundleiche zu erleben. Der Raum zwischen ihnen – gibt es dort Berührung? Fragen? Antworten?
In der Zeichnung („o.T", 2000) erscheint dann auch die Gattung Mensch. Unsere Gattung, also die der kunstschaffenden und kunstrezipierenden Erdenbewohner. Fliegen können wir nicht, doch immerhin unsere Arme ausbreiten, die Brust öffnen, die Möglichkeit des Fliegens in den Körper nehmen. Durch Linien im Bildraum gehalten, fast marionettenhaft aufgehängt, trotz der erdhaften Leibesfülle im Bild schwebend, wendet sich die Menschengestalt zum „Flughundartigen": Ein dunkles, überdimensioniertes Tier von der linken Ecke des Bildraumes wie aufgehängt in der Luft stehend, den Unterleib gekrümmt, sich stachelartig nach unten wölbend. Welch eine Begegnung – nehmen sie einander wahr? Findet eine Annäherung statt, gar ein Tanz? Bedrohung, Vereinigung, Möglichkeiten des Erkennens. Die wechselseitige Ahnung von verschiedenen Sphären, besser noch Seinsebenen.
Ein weiteres Wesen hängt als Halbrelief („o.T", 2000/2003) an der Wand. Hierfür war meine Begegnung im Museum La Specola, Florenz, mit einem ausgestopften Flughundmännchen der Anlass.
Nach einer kleinen Bleistiftnotiz des Gesehenen entstand diese Skulptur, geformt aus Ton und Jahre später mit farbigem Wachs überzogen. Die Plastik erscheint organisch, an Eierstöcke und Uterus erinnernd. Ein von sich selbst umrundetes Wesen, sinnlich, mit feucht glänzender Oberfläche, in die es wie in einem Kokon geborgen ruht. Eine beunruhigende, anrührende Ebene bringt seine so offene wie verletzliche Haltung mit sich. Das Geschöpf begegnet einem ungeschützt. Aufgehängt, wie gefesselt an seine eigenen Flughäute, mit dem Rücken an die Wand gepresst, wirkt es ausgeliefert und gleichzeitig ruhend in seinem „Tiersein".
Ich kenne also zwei ausgestopfte Flughunde; bin künstlerisch mit ihnen in Berührung gekommen. Ich weiß nichts von ihrer Vergangenheit. Keine Ahnung, wie sie gestorben sind – ob eines natürlichen Todes, oder einen durch Menschenhand herbeigeführten. Haben die beiden in freier Wildbahn gelebt, in fernen Ländern, oder etwa in einem Tierpark in Europa?
Lebendige Flughunde in Gefangenschaft habe ich in meiner Kindheit in Essen lange und ausdauernd betrachtet. Im Grugapark gab es damals ein Gebäude mit einem großen Käfig, in dem die Tiere zu sehen waren. Meist schliefen sie, kopfüber und nah beieinander hängend. Bewegungen und sich Aneinanderreiben, manchmal auch Zankereien spielten sich in ihrem durch Maschendrahtzaun sehr begrenzten Revier ab. Hin und wieder flogen einzelne Tiere umher, warum, weiß ich heute nicht mehr, kann es mir auch nicht erklären, da sie doch nachtaktiv sind. Vermutlich merkten sie, dass sie beobachtet wurden, oder passten ihren Schlaf-Wach-Rhythmus den Menschen etwas an.
In meiner Erinnerung war ich von einer unbestimmten Aufregung erfüllt, wenn ich bei den Flughunden war. Eine eigentümliche Mischung zwischen großer Fremdheit und sich ihnen doch nah und verbunden fühlend. Gerne hätte ich sie alle befreit und sie doch als zahm gewusst, so dass sie ganz nah zu mir gekommen wären. Meine Flughundfreunde: nach langen Flügen immer wieder zu mir zurückkehrend und mir Leckereien aus der Hand fressend, zärtlich leckend mit ihrer rosa langen exotischen Flughundzunge. Freiheit und Zutrauen, Kindheitsträume vom Mensch-Tier-Paradies …
Im Internet habe ich noch Bemerkenswertes über meine Flughundverwandten gefunden: Sie sind Vegetarier, ernähren sich von Nektar, Pollen, Früchten und Blüten. Ihre Lebenserwartung beträgt bis zu 30 Jahren. Die Flughundpaarung erfolgt kopfüber hängend. Flughunde zählen mittlerweile zu den gefährdeten Arten auf unserem Planeten.

Liebe Saskia, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst

Wie immer habe ich mich sehr darüber gefreut, als Saskia mich fragte, ob ich dieses Projekt Territorium gemeinsam mit ihr gestalten und auch die Eröffnungsrede zur Ausstellung halten möchte. Beim ersten Besuch der Ausstellung, die Saskia Niehaus allerdings komplett alleine kuratiert und gehängt hat, war ich beeindruckt von der Fülle der Objekte und etwas eingeschüchtert von der Aufgabe, dieses komplexe und beeindruckende Oeuvre in Worte zu fassen.

Besonders beeindruckend ist, dass Saskia Niehaus in diesem von Gottfried Böhm in den 1970er Jahren zur Dependance des Kölner Stadtmuseum ausgebauten Wehrturm so viel Raum für ihr skulpturales Werk finden konnte. Die in diesem Kontext eingebauten Vitrinen eignen sich hervorragend zur Präsentation dreidimensionaler Objekte und so weist diese Schau im Bereich der Skulptur einen quasi retrospektiven Charakter auf. Aber nur was das skulpturale Werk betrifft.

Wer die Arbeiten von Saskia Niehaus kennt, weiss um die Fülle der Papierarbeiten. Das Papier, das ihre Leidenschaft darstellt, das sie wie ein Feld, ein Territorium bearbeitet aber auch freigibt, das sie verteidigt und angreift, modelliert und zerstört, überhöht und zerreißt. Sie umfasst das Papier mit textilen Elementen, überzieht es mit Wachs oder setzt teils kräftige teils leise Farbtöne. Ihre zeichnerische Brillianz und der energetische Strich machen eine Reise auf dem Territorium der Zeichnungen möglich, die uns immer wieder zu neuen inneren Bilder der Künstlerin führen. Dabei sind Ambivalenzen auch thematisch evident.

Ihre Skulpturen sind in weiten Teilen aus Schichtungen von Papieren entstanden oder in Ton geformt. Die Papierarbeiten sind in ihrer physischen Präsenz zart und zerbrechlich, wirken in ihrer Haltung teilweise provokant und stark. Wachs, mit dem sie ihre Skulpturen überzieht, führt uns als Stofflichkeit hin zu frühen Mumifizierungen in Ägypten, aber auch auf die Bildwelt eines Medardo Rosso, der um die Wende des 20. Jahrhunderts seinen Skulpturen mit Wachs einen flüchtig-ephemeren Duktus gab. Wachs assoziiert natürlich auch eine Form von Licht und Wärme.

Territorium - so lautet der Titel der Ausstellung. Saskia hat die unterschiedlichen Wortvariationen, die beim Spiel mit den Buchstaben des Wortes entstehen, notiert. Dabei sticht vor allem Terra – Erde ins Auge und natürlich Terror, heute allgegenwärtig.

Terra führt uns zu dem Wehrturm hin, der auf der Erde steht, diese aber auch zu verteidigen sucht – einen Kampf mit sexueller Konnotation können wir auf der Zeichnung „o.T" (Boxer) von 2002/2016 im Eingangsbereich zur Ausstellung finden.

Sind wir die Vouyeure, oder die Zuschauer, die auf die angedeuteten Tribünen gezeichnet sind? Er führt uns aber auch zu den Elementen, die an diesem Ort und in den Arbeiten von Saskia Niehaus eine so große Rolle spielen, Luft – der Wind, die Vögel, Wasser - der Rhein, Feuer, Sonne - Kohle, das Wachs und immer wieder Terra.

Die Kohlezeichnung, die sie hier an der Wand sehen, ohne Titel von 2015, eröffnet uns den Blick in eine Szenerie, in der eine erdfarbene Basis zu sehen ist. Der opake Farbauftrag löst sich aber auch hier und wird zu einem schimmernden Erdreich. Im Mittelpunkt der Komposition ist ein Pferd auszumachen, das in einer Art Mandorla in gekreuzigter Haltung erscheint. Der gequälte und terrorisierte Eindruck des Pferdes wird durch den in eine Art Flügel auslaufenden Vorderlauf gebrochen. Der sich in quasi menschlicher Haltung aufbäumende Pferdeköper scheint im Begriff sich in die Lüfte zu erheben - Luft. Die Mandorla, die in der christlichen Ikonografie nur Christus, Maria und den Heiligenfiguren und im Buddhismus der Buddha Figur vorbehalten ist, umschließt hier in zersplitterter Form eine tierisch menschliche Gestalt.

Die Wesenhaftigkeit der animierten Welt dreht sich bei Saskia Niehaus - wie deutlich zu erkennen ist - nicht nur um den Menschen sondern um die Kreatur an sich. Leiden und Erlösung in der Mandorla sehen wir auch in der Zeichnung mit den pinkfarbenen Pferdekörpern, gelenkt von einer Frau. Das Zwitterwesen scheint hier in der Mandorla gefangen, die durchaus eine vaginale Erscheinungsform trägt.

Die Assoziation mit der mandelförmigen Aureole unterstreicht in beiden Zeichnungen der gelbe Farbakzent. Neben einer Assoziation mit mittelalterlicher religiöser Kunst wird hier die Vermischung unterschiedlicher religiöser Traditionen bewusst.

Der Freiheitsaspekt der Saskia Niehaus` Kunst inhärent ist, geht von jeder Form eines reglementierenden Moralbegriffs weg, den wir in den unterschiedlichen Religionen finden. Freiheit, auch sexuelle Unabhängigkeit, wird mit Flügeln assoziiert, Hier kommen wieder das geflügelte Pferd und die vielen Vogelwesen ins Spiel, die wir auf den Zeichnungen von Saskia Niehaus ausmachen können. Das geflügelte Pferd lässt uns an Pegasus denken, der den Musen eine Quelle schenkt. Es könnte somit auch als pars pro toto für die Kunst stehen, die auf ihre Erlösung wartet, aber nicht passiv sondern kämpfend ihre Intimität verteidigend und preisgebend.

Die kindlich erscheinenden Figuren schweben über dem schweren Erdreich. Sie scheinen in einer Art Trance. Die in Hingabe geschlossenen Augen und die Haltung führen uns zum Meditativen Gebet. Doch wofür? Zu wem?

Der Aspekt des Fliegens, der Erlangung einer geistig spirituellen Freiheit ist in den vielen Vogelgestalten von Saskia Niehaus angelegt. Die Erdverbundenheit wird aber durch den Blick der Wesen in die Welt unterstrichen. Luft ist dem Vogelmenschen in der Vitrine unter uns inhärent, blau als Assoziation mit Luft und Wasser, Feuer über die Materialität des Wachses. Die starke Körperhaftigkeit, die die Wesen Saskia Niehaus ausstrahlen, hat oft eine erotische Konnotation. Der Körper in seiner Gesamtheit wird wahrgenommen und dazu zählt auch das Geschlecht, das auf den unterschiedlichen Zeichnungen und in den Skulpturen ganz natürlich präsent ist. Dabei ist die Geschlechtlichkeit nicht immer eindeutig. Wie wir häufig Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier sehen, so können wir hier ebenfalls Verquickungen erkennen. Selbst wenn in den Zeichnungen keine Überschneidung von Tier und Mensch auszumachen ist, so nehmen die Tier Wesen meist menschliche Züge an oder vice versa. So wie bei dem schwarzen Vogel, der in seiner Portraithaftigkeit und in seinem Blick aus der Zeichnung in den Raum kommuniziert.

Transformation ist ein immer währendes Thema in Saskia Niehaus' Arbeiten. Diese kann auch im Sinne einer alchemistischen Verwandlung verstanden werden. Die uralte Geheimkunst der Alchemie birgt das Weltwissen in sich, die Welt-Musik, Transzendenz und Diesseitigkeit. Auf der einen Seite fasziniert in der Alchemie die Vorstellung dass in einem komplexen Verfahren aus einfachen Materialien Gold hergestellt werden kann. Auf der anderen Seite steht der ewig währende Prozess der Transformation des menschlichen Geistes zu neuer Erkenntnis, dem Sieg der freien Künste und der freien Entfaltung. Dabei spielen wieder die Elemente eine entscheidende Rolle, vor allem auch das Feuer.

Saskia Niehaus nähert sich der Alchemie intuitiv, nicht über das Lesen von Traktaten, oder der bewussten Adaption der Bildwelten. Denn die Alchemie birgt wie Märchen und die unterschiedlichen Religionen archetypische Erklärungsmuster der Welt fern ab von jeder scheinbar objektiven Wissenschaftlichkeit. In die Welt der Urängste und deren Überwindung führt uns die installative Arbeit Rumpelstilzchen, die in diesem Jahr im Kontext einer Ausstellung im Hochbunker in Ehrenfeld gezeigt wurde. Hier scheint das alchimistische Prinzip von solve et coagula - dem Trennen und Vereinen – angewandt, denn die Arbeit verändert sich fortwährend. Der Zustand, den Sie hier sehen, unterscheidet sich schon maßgeblich von dem im Hochbunker Ehrenfeld durch Hinzufügen weiterer Elemente und Weglassen von anderen.

Und auch weitere Arbeiten von Saskia Niehaus werden in den letzten Jahren prozessual fortentwickelt so die reliefartige Skulptur des Männerkörpers. In der Alchemie bricht das Prinzip von Hinzufügen und Trennen scheinbar immer wieder die progressive Verwandlung ab, der Prozess ist jedoch notwendig, um zu der nächst höheren Stufe, hin zum perfekten Werk zu gelangen. Das ewige Werden und Vergehen, eindeutig Mehrdeutige und immer wieder Transformation findet sich hier wie in der Alchemie. Die schwarze Farbe impliziert den Prozess der Verbrennung, der auch noch durch die feuerartige Gestaltung des Papiers unterstrichen wird. Der schwarze Vogel könnte ein Rabe sein, er führt uns direkt in die alchemistische Bildwelt. Der Rabe steht hier für das Haupt der Kunst, die vermag, ohne Flügel zu fliegen. Er kreist das Territorium ein, überschreitet dessen Grenzen und landet doch immer wieder auf der Erde, die Leben und Leiden impliziert.

Saskia Niehaus hat zu Rumpelstilzchen folgendes notiert:

„Ich entdecke in meinen künstlerischen Reisen regelmäßig die treue, aufwühlende und manchmal auch anstrengende Begleitung des Rumpelstilzchenwesens. Habe ich mal wieder eins beim Namen genannt, da es mir doch zu schmerzhaft nah an mein Innerstes rührte, so versinkt es in Grund und Boden. Brauche ich dann erneut seine Hilfe, da ich mich wieder mal in den Tiefen meines inneren Verlieses eingesperrt habe, so taucht es auf - in neuem Gewand, um mir einen neuen, mutigen Blick über mich hinaus und in die Welt zu ermöglichen."

Tiere bleiben stets tierisch, während Menschen sich unmenschlich, oft auch allzu menschlich gebärden können.
Mit sicher figurierender Kontur zwischen zügiger handschriftlicher Notiz , gestisch-expressivem Kürzel und kraftvoll definierender Setzung , entwirft und umreißt Saskia Niehaus ein Figurenpantheon von eindrücklicher Präsenz. Ungewohnt Kombinationen und Konstellationen von menschlichen und tierischen Bildakteuren führen zu hintergründig-grotesken Szenarien. Der jeweilige Einfall gewinnt im offenen Prozess der Zeichnung an Schärfe und Prägnanz. Oft ist bei Saskia Niehaus drastische Thematik an miniaturistische Intimität gebunden. Die Entschiedenheit des Deutlichen überdeckt das Empfindsame, Zarte und Leichte nicht. Beides zusammen macht die Spannung und Poesie dieser Blätter aus.

Menschen, Tiere und Gerät haben ihren stummen Auftritt auf weißem Grund. Sie nehmen keine Positionen in bildnerischen Ordnungssystemen ein, z.B. in Räumen oder Landschaften, sondern werden unvermittelt miteinander in Beziehung gesetzt. Frauen und Männer in ungeschminkter, also ungeschönter Nacktheit treffen auf Dinge und Tiere, teilen mit ihnen die Bildbühne und führen immer neue und überraschende Facetten der „Comédie humaine“ vor. Tiere unter sich, aus Naturzusammenhängen gelöst, beeindrucken durch eigene, exzentrische Zurschaustellungen. Während giftgrüne Alligatoren laszive Nymphen verschlingen, pendeln andere Reptilien gelangweilt an den Bildrändern. Igel laufen aus dem bild. Ungefiederte Jungvögel stürzen ab. Manches ist gedehnt, anderes gebläht, geschrumpft, verdreht, deformiert oder fragmentiert und doch in gewisser Weise auch anrührend. So ist es eben! Hier wird nichts beschönigt. Die von Harmoniesierungssehnsucht gespeisten Klischees fegt die Künstlerin mit Scharfsinn und Witz aus ihren Bildszenarien. Indem sie mit gespitztem Stift die Lust und Last der menschlich-tierischen Sexualität umkreist, nähert sie sich den großen Lebensthemen: dem Entstehen und Vergehen, der Verbindung und Trennung, der Lust und der Angst, dem irdischen Paradies und der irdischen Hölle. Mit decouvrierender Klarheit und pointierter Schärfe führt sie Protokoll, aber sie denunziert nicht. Anteilnahme, Humor, kritischer Selbstbezug und künstlerische Originalität heben ihre Werke über die kommentierend illustrative Ebene hinaus.

Bei Saskia Niehaus können wir erleben, dass wir uns in unserer Vielschichtigkeit im Grotesken und Absurden oft eher wiederfinden als im Abbildhaften.
Das gelingt aber nur, weil sie uns mit ihrer Kunst verzaubert.“ nie sind diese Personen (Anm.: einen dichterischen Werkes) kausal erklärbar. Andere Interessenszusammenhänge schieben sich in die psychologischen. Insgesamt ästhetische“ ( Robert Musil )
Ihre Werke schmücken allerdings weniger, als dass sie uns im Inneren berühren und bewegen.

Stefanie Klingemann traf sie in ihrem Kölner Atelier.

Stefanie Klingemann:
In deinem Atelier geht die Tür auf und man steht gleich mittendrin, hier stehen gefühlt. tausend Bilder, Objekte, hier im Schrank, dort auf dem Tischchen, was ist denn das da?

Saskia Niehaus: Das ist eine Skulptur aus Papier, viele Schichten mit unterschiedlichen Papiersorten. Bei den Skulpturen und Reliefs ist es meist so, dass ich mit viel Zeit ganz fein Schicht für Schicht forme. Hier beispielsweise Papierpulp, also wie Pappmaché, nur säurefrei, mit Seidenpapier und verschiedenem zum Teil eingefärbtem, zum Teil nachträglich bemaltem Papier. Da passte dieses Gipsstück dazu. Das habe ich nicht extra dafür gegossen, sondern irgendwann fiel mir das wieder in die Hände. Ich probiere Sachen aus, taste mich vor. Das ist nicht planbar. Die Arbeiten entstehen eher von innen heraus im ihnen eigenen Tempo und dann findet sich für Manche etwas, was dazugehört, oder sie kommen später auf einen einfachen Sockel.

SK: Du arbeitest schwerpunktmäßig figurativ, dieser Vogel hier, ist der in seinen Proportionen dem Original gleich?

SN: Wenn du da jetzt biologisch drangehen würdest, wäre der kleiner. Der ist wie ein Jungvogel, der schon sein Federkleid hat, jedoch noch nicht ganz in dem Zustand ist, dass er fliegen kann. Also so gerade vor „flügge“. Das sind Aspekte, die für mich wichtig sind. Sprich der äußere Zustand, der innere Zustand, die Entfaltungsmöglichkeit. Das was mich da sehr direkt berührt, geht dann hier über dieses Vogelwesen unmittelbar in Verbindung mit Menschen und menschlichen Seins-Zuständen .

SK: Geht es dir um den Zustand von Metamorphosen, die Übergänge hin zu Autonomie?

SN: Ja, auch. Du fragtest, glaube ich, auch wie das entsteht, ich gehe nicht so vor: 'Ah, ich habe die und die Themen.' Sondern das ist andersherum. Ich habe schon von klein auf viel beobachtet in der Natur, sind wir ja im weitesten Sinne auch, sowohl meine eigene Natur, als auch die der Tiere, Mitmenschen, Pflanzen - lebendige Erscheinungsformen in verschiedenen Zuständen. Was mich intensiv bewegt, birgt zudem etwas in sich, was in gewissem Sinne ungegenständlich, mehr fühl-als benenn-bar ist. Die hohen Wände und Fenster in meinem Atelier unterstützen mich bei der Arbeit. Sie ermöglichen Weite im Geist und geben mir Raum aus dem Körper heraus große Formate zu schaffen.

SK: Was ich jetzt spannend finde, ist dass sich die Dinge in deinen Arbeiten, sowohl Material als auch Form selbstverständlich finden.

SN: Ja, ganz stark über Sinnlichkeit. Ich könnte ja überhaupt keine Kunst machen, wenn ich nicht in diesem Körper wäre und darüber empfinden und handgreiflich werden kann. Meine Arbeitsweise ist bewusst damit verbunden, dass ich (in) Materie bin und Materie zur Verfügung habe, dass ich diese umforme. Egal ob ich jetzt zeichne, male, dreidimensional forme, oder performe. Das ist ein wesentlicher Aspekt für mich.

SK: Arbeitest du mit Materialien wie Papier, kleinen Holzfundstücken oder auch Draht, weil es stets verfügbares Material ist?

SN: Ja.

SK: Und mit den Farben und dem Wachs transformierst du das Material, die Vergänglichkeit des Papiers wird konserviert.

SN: Genau, also geschützt auf jeden Fall. Wachs darf natürlich nicht zu große Hitze und nicht zu große Kälte, also keine Extreme haben. Ansonsten hat es so etwas Organisches und verändert noch einmal die Oberfläche. Wobei das bei den Skulpturen unterschiedlich ist, manche sind glänzend lackiert, andere bleiben unbearbeitet. Für mich ist jedes, was entsteht ein neues Geschöpf. Gelingt ein Werk, so ist ein ganz eigenes Wesen darinSK: Diese Wesen, die bildest aus deinem Wahrnehmen von Welt heraus?

SN: Würde ich sagen. Wobei hier alle Zwischenräume impliziert sind. Innere Welt, äußere Welt. Da gibt es ja eine Unfassbarkeit, oft wird das mit der Sprache eher eng gemacht. Ich sinniere intensiv über „Welt“. Tauche da in viele Wahrnehmungsschichten ein, durchaus auch analytisch nachdenkend. Wie ich mich selber beobachte, ist Teil davon. Im Atelier versuche ich die Bahn frei zu machen, so dass sich das möglichst einfach formen kann. Das ist super spielerisch, mehr wie so eine Melodie, die sich ergibt. So ist für mich in den Zeichnungen neben der, wie du sagtest, figurativen, eine weitere Ebene : die Rhythmen der Linien und Flächen, Farben, Schichtungen.Wie eine Zeichnung entsteht, könnte ich dir gar nicht genau sagen. Ich setze mich jetzt nicht hin und denke: ‚Ah, so soll es aussehen.' Betrachten wir als Beispiel mal da unten die Zeichnung mit diesem grünen männlichen Wesen, was da so selbstverständlich aus dem Gras herauswächst. Es kann sein, dass ich einfach mit Farbe und Rhythmus spiele und so anfange, Flächen setze und dann formt sich das heraus. Zuweilen ist es so, dass aus einer Linie direkt eine Figur entsteht, das kann ein Bewegungsimpuls sein, oder ein Zustand, eine Erinnerung. Damit gehe ich dann weiter. Das ist ein Hin und Her zwischen Setzung, Abwägung, Folgen, Verändern, bis der Ausdruck stimmt .Deswegen bevorzuge ich auch die Materialien auf die ich direkt zugreifen kann.

SK: Sind die Figuren die du schaffst auch eine Art Gegenüber für dich?

SN: Würde ich sagen, es ist immer ein Gegenüber. Wir stehen jetzt hier als Menschen aus dem Kunstbetrieb, wie du es nennst, aus dem Kunstumfeld, Kunstfeld, das heißt, wir haben eine spezifische kulturelle Bildung genossen, auch an dem Ort, der bei uns an der Gesellschaft dafür vorgesehen ist, um sich so auszubilden und zu bilden. Das ist eine deutliche Setzung. Wo beginnt Künstlerin sein, was ist Bewusstsein, was ist natürlich? Diese Dinge interessieren mich in ihren Nuancen. Das andere ist, dass es bei mir etwas gibt, das habe ich tatsächlich so, ich sage einmal, mit ins Leben bekommen. In dem Sinne, als dass ich sehr intensiv wahrnehme, beobachte und schon früh angefangen habe, das zu übersetzen und zu verfeinern, um dabei auch ein Gegenüber zu schaffen. Hilfreich und lustvoll für mich und eine Möglichkeit, mich mitzuteilen. Ich glaube, das eine ist, dass das so spielerisch fließt, dass da von sich aus etwas ist, was entstehen will. Und das andere, das verbindet mich gewiss mit den meisten Künstlerinnen, Künstlern, dass ich auch ganz viel darüber reflektiere: 'Was sind meine Mittel? Was brauche ich? Wie kommt mir das entgegen?' Ich sortiere aus, ich reduziere und dann schaffe ich wieder einen großen Horizont, Fülle. Ich bin sehr genau hinsichtlich des Ausdrucks und der Zwischentöne.

SK: Wollen wir mal über dieses Objekt hier sprechen, die große Eule?

SN: Gerne. Da ist jetzt, das siehst du schon, bei dieser Größe ein Drahtgerüst darunter. Die Gestalt ist aus Flachsfaser gebildet, die ich in Wasser einweiche, zum Teil wird sie auch in Farbe eingelegt und dann fühle ich mich vor. Bei dieser Arbeit war es so, ich habe eine Eule gehört. In Italien. In der ersten Nacht als ich zu Bett gegangen bin, hörte ich eine Eule. Die habe ich gar nicht gesehen, da hatte ich das Sujet schon wie eine Ahnung im Hintergrund. In der Früh ging ich sofort los an die Arbeit. Bei der Eulenskulptur mag ich diese Höhlen sehr, dass die da heraus guckt. Und da sind Haare von mir darin, in dem Fall. Die bringen dieses zeichnerisch leicht schummrige in die Augenhöhlen.

SK: Deine eigenen Haare?

SN: Ja. Das ist jetzt auch wirklich nur bei der Skulptur, das brauchte diese Haare in den Augenhöhlen, dass dadurch der Blick entsteht. Genau. Das hier ist auch aus Italien. Hierbei war es verrückter weise so: ich habe diesen Vogel, dieses Vogelwesen angefangen und hatte die ganze Zeit das Gefühl, der muss irgendwie auf einen Knochen. Dann habe ich den Knochen zufällig auf einem Feld gefunden und konnte die Elemente zusammenbringen. Diese Vogelskulpturen, die haben jedes einen ganz eigensinnigen Ausdruck. Dem liegt zugrunde, dass ich als Kind viele solcher kleinen Vögelchen gefunden habe und versucht habe, sie aufzupäppeln. Was selten gelingt, weil die dann meist schon krank sind. So nackte Vögel. Das ist für mich ein Grundbild von Lebenswillen, die fressen bis zum Schluss, haben etwas ganz Verletzliches und zugleich eine fast monströse Lebenskraft und -gier auch, Lebenshunger. Und wenn die dann sterben passiert das unmittelbar von einem Moment auf den anderen. Das ist sehr bewegend.

SK: Wo bist du denn groß geworden?

SN: In der Großstadt. In Essen, mittendrin.

SK: Dein Arbeiten kommt vollkommen selbstverständlich herüber, wie ein Bedürfnis.
Als hättest du nicht jederzeit im Kopf: 'Ich möchte jetzt ein Kunstwerk schaffen.'

SN: Ich glaube, ich bewege mich dazwischen. Ich balanciere aus, für das, was ich aussagen möchte, was mich bewegt, die besten Umstände zu finden. Das geht mit meinem Saskiasein zusammen, da gibt es bei mir tatsächlich wenig Trennung. Und natürlich kenne ich als eine, die sich in diesem Kunstfeld durchaus tief verankert hat, all diesen Leistungsdruck, die Selbstzweifel, sich hinterfragen, das Umfeld hinterfragen … Was mir früh aufgefallen ist, dass es wichtig für, glaube ich, jeden Menschen ist, Aufmerksamkeit zu bekommen und Aufmerksamkeit zu geben . Als ich studiert habe, war eine Meinung, eine gewisse Doppelbödigkeit damals an der Akademie,man mache das bitte ganz von innen heraus, vollkommen autonom, altruistisch ,als wäre man irgendwie so ein Buddha-Wesen… auf der anderen Seite gab es schon während des Studiums Preise, Konkurrenz-Wettbewerbe,machtbasierte Selektierungsmechanismen - An sich all das, was eine(n) in unserer Gesellschaft, im Familiensystem, im Schulsystem im Kern prägen, beschweren und in Konflikte bringen kann. Für mich war es eine enorme Befreiung irgendwann zu merken: 'Ja klar. Ich möchte einerseits in Ruhe gelassen werden und ich möchte andererseits Aufmerksamkeit bekommen für das, was ich aus mir heraus eben tue und entwickle. Vielleicht in dem Sinne: künstlerische Arbeit muss nicht Mühe und Druck und vorgeschriebene Leistung sein. Was ich schon verfolge, ist, immer wieder zu gucken: wie bleibe ich dran, wie öffne ich die Räume neu, was brauche ich für eine Routine und was für eine Freiheit ?

SK: Geht es auch um dich als Frau, um das weibliche?

SN: Mich bewegt das gesamte Dasein dermaßen, dass ich versuche dafür eine gute, freie und treffende Übersetzung zu finden.

SK: Ist Nacktheit auch als eine Form von Verletzlichkeit zu begreifen?

SN: Es ist alles da. Es ist einfach. Kleidung ist ja schon wieder eine Modesache, so etwas drüber gelegt. Klar, habe ich auch schon einmal bekleidete Menschen gezeichnet, aber das interessiert mich nicht so, mich interessiert schon mehr die individuelle Ausprägung. Da ist ja so eine Wahnsinns Vielfalt an Körpern, in Körpern, alles an Stärke und Verletzlichkeit, alles gleichzeitig. Das ist für mich ein Grundthema, was mich am Leben sowohl verzweifeln als auch geradezu jubilieren lässt. Weshalb ich froh bin, dass ich in diesem künstlerischen Feld mitwirke, das bietet mir einen großen Spielraum. Und viel Tiefe. Bei all dem, wenn wir jetzt sagen, Gesellschaft, Moden, Konventionen, das ist eine Sache, die manchmal viel zu bestimmen scheint. Doch das ist ja auch nur ein Teil des Ganzen.

2016
Katja Lambert: „Territorium“, Eröffnungsrede, Museum Wehrturm, Köln
2015
Udo Scheel: „Über Malerei“, Jubiläumskatalog
2014
Susanne Blöcker: „Das inszenierte Ich“, Portraits seit 1500, Ausstellungskatalog, Kunstkammer Rau, Arp Museum Rolandseck
2012
Saskia Niehaus: „Flughundbegegnung“, Ausstellungskatalog „Ästhetik der Natur“, Altana-Kunstsammlung, Naturwissenschaftliche Sammlung, Museum Wiesbaden
2009
Jutta Mattern: „Zerdehnte Augenblicke“, Katalog „Kunstgeschichten“, Die Sammlung des Arp Museums Bahnhof Rolandseck
2006
Raimund Stecker: „Verdichtungen, o. T.“, Katalog Saskia Niehaus „Licht im Wasser“
2003
Barbara Weidle: „Eingefroren lebendig“, Kölner Stadtanzeiger, Galerie Heinz Holtmann, Köln
2001
Barbara Catoir: „Schrilles Requiem auf einen Vogel“, Katalog „Saskia Niehaus, Zeichnung und Skulptur“, Sinclair-Haus, Bad Homburg v. d. Höhe
2001
Andrea Firmenich: „Geschöpfe einer sich wandelnden Welt“, Katalog „Saskia Niehaus, Zeichnung und Skulptur“, Sinclair-Haus, Bad Homburg v. d. Höhe
2001
Manfred Schneckenburger: Laudatio zum Friedrich-Vordemberge-Stipendium der Stadt Köln
2000
Alfred M. Fischer: „Saskia Niehaus“, Katalog „Von Matisse bis Morimura. Neues aus der Sammlung Ludwig“, Museum Ludwig, Köln
2000
Thomas Hirsch: „Glück und Schrecken der Schwerelosigkeit“, Choices, Köln
2000
Barbara Räderscheidt: „Zum Schutze vom Aussterben bedrohter Gedankentiere“, Kölner Skizzen, Heft 1/2000
1999
Beate Eickhoff: „Saskia Niehaus. Neue Zeichnungen“, Kunstforum International, Band 143
1999
Nicole Heusinger: „Saskia Niehaus“, Katalog „mode of art“, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf
1998
Alfred M. Fischer: „Saskia Niehaus“, Katalog Projektraum, Museum Ludwig, Köln
1997
Timm Ulrichs: „Getier, Gemensch“, Katalog Künstlerdorf Schöppingen

Publikationen