Aus tiefem Grunde, Katalogtext Salto vitale
Dr. Susanne Blöcker, Arpmuseum Rolandseck
Von tief unten beschwört Saskia Niehaus ihre, unsere Zwischenwelten herauf - stets offen, leichtfüßig zwischen den Medien wechselnd, sie miteinander verwebend: Skulptur wird malerisch, Zeichnung greift in den Raum aus. Mal spitzt sie präzise den Stift, dann arbeitet sie in großen tänzerischen Farbschwüngen mit beiden Händen. Magisch, mystisch mutet vieles bei Saskia Niehaus an – Mischwesen, halb Tier, halb Mensch springen uns aus ihrem Werk entgegen. Ein Salto Vitale. Denn auffallend, ja manchmal erschreckend unmittelbar ist ihre Lebendigkeit.
In zeichnerischen Kürzeln bedecken ihre Figuren die Papiere ihrer Skizzenbücher. Und noch während Saskia Niehaus in ihnen blättert, entwinden sich die momenthaften Liniengebilde, wollen plastische Gestalt gewinnen. Im Geäst eines dichten Drahtgeflechts, das ihnen Halt gibt, lässt sie sie aus ihren Händen erwachsen. Sie formt sie aus Hanf, Flachs, aus Zeitungs-, Back- und Seidenpapier, das sie in Kleister tränkt. Oft streift sie ihnen noch eine zweite lebendige Wachs-Haut über. Doch immer bleibt der Schaffensprozess sichtbar, ermöglicht das durchscheinende Drahtgerüst auch andere Perspektiven, springen ihre Gedankengestalten von dort auf große leuchtend farbige Blätter über, die Wände und Boden bedecken.
Seit ihrer Kindheit hält Saskia Niehaus fest, was sie sieht. Sie beobachtet genau innere wie äußere Phänomene. Schlaf- und Wachbewusstsein fließen ineinander. Mal ist es ein Ton, der Gestalt gewinnt, dann ein Erlebnis. Sie vergleicht sie mit momenthaften Noten, die eine Melodie erahnen lassen. Aber sie gibt sie uns nicht vor, sondern hält sie für uns offen. Und genau dies macht die Lebendigkeit ihres Werkes aus. Oft sind es sprechende Augen, die uns aus ihren Bildwelten entgegenschauen. Sie erwecken etwas in uns – eine Erinnerung, einen Klang, einen Moment der Öffnung für innere Welten. Stechend gelb leuchten sie aus gemalten hellblauen Farbköpfen hervor. Dann greifen sie gar zu uns in den Raum über bei „Und sie sah, dass es gut war“. Animalisch von energetischem Rot, verwurzelt sich die auf drei Blätter verteilte biblische Schönheit auf dem Boden, vermittelt Erkenntnis eines anderen möglichen Seins, verwandelt sich, gewinnt skulpturale Gestalt in „aus tiefem Grunde“. Mit ihrem raschelnden Papierkörper schwebt sie uns wie eine Windsbraut entgegen, schlägt in uns Wurzeln, legt Verborgenes offen. Während in den Zeichnungen daneben vielschichtige Geschöpfe in leuchtend farbiger lustvoller Ekstase über die Wand tanzen. Sich umarmend, verwachsen sie miteinander. In fortwährendem Schöpfungsprozess gebären sie unendlich viele neue Gestalten, die Atelierwände, Sockel und Boden bevölkern, mal klein, mal großformatig, flach oder skulptural. Oft sind sie eindeutig tierischer Natur, haben die kraftvolle Präsenz eines Pferdes, einer Katze, eines Fuchses, mal verschmelzen sie mit Frau wie Mann und potenzieren ihre Energien. Oft sind es Vögel, die Saskia Niehaus von Kindheit an begeisterten in ihrer zerbrechlichen Verletzlichkeit, Nestflüchtlinge, die zwischen Leben und Tod schwebten. Damals half sie ihnen ins Leben zurück. Im Atelier erwuchs daraus ein kleiner skulpturaler hell leuchtender Gedanken-Phoenix, gerade im Begriff, den Schädel, der ihm als Basis dient, zu verlassen. Krähengleiche über ihm haben bereits Luft und Wand erobert, während sie uns neugierig mustern. Keiner von ihnen, das spüren wir, will uns Böses. Es ist ein liebevolles Miteinander. Keinen von uns lassen sie unberührt. Sie sind ein Teil der Künstlerin, die teilweise eigene Haare in sie verwoben hat. Im tänzerischen Sprung, im Salto Vitale reißt sie, reißen sie uns mit in ihre Bildwelten.
Es ist ein reicher Lebensraum, der uns hier erwartet: anfangs durch die Lehrenden Ludmilla von Arseniew und Timm Ulrichs an der Kunstakademie Münster begleitet, dann durch viele Stipendienaufenthalte u.a. in Rom, Florenz und Berlin ausgeweitet. So hat die Kunst von Saskia Niehaus das Fliegen gelernt – im freien Schwung zwischen den Gattungen und berührt von allem, was sie umgibt. Heute bringt sie es uns bei, leichtfüßig, tänzerisch, mit kraftvollem Farbschwung auf weichem Drahtgeflecht. Manchmal aber entwindet sie sich. Um in ihrer Atelierwagen-Eremitage auf einem Eifeler Wiesenhügel zu neuen Gedankenflügen aufzubrechen, zu vitalen Sprüngen in eine Kunst, die uns für die Zukunft noch vieles bereit hält.
Laudatio zum Friedrich-Vordemberge-Stipendium bildende Kunst
Prof. Dr. Manfred Schneckenburger
Meine Damen und Herren,
Saskia Niehaus ist eine Zeichnerin. Das klingt einfach, fast simpel - und ist doch genauer, charakteristischer, als wenn ich sagen würde: Sie ist eine Malerin. Eine Zeichnerin - das ist keine Berufsbezeichnung; sie sieht die Welt mit dem Zeichenstift. Mehr noch : der Zeichenstift ist ihre Welt und - das ist am wichtigsten - erschafft ihre Welt. Saskia Niehaus hält nicht ständig fest, was sie sieht - der eine Typ einer manischen Zeichnerin. Saskia Niehaus sieht, was sie zeichnet - der andere Typ einer ( manischen? ) Zeichnerin. Ihr Stift verzerrt das Intime ins Groteske und macht das Groteske intim - jene wuselnde Welt fetter kleiner Nakedeis, wegen deren winzigen Häkchen unter dem Bauch Saskia Niehaus sogar einmal aus einer Ausstellung geflogen ist. Sie zeichnet nicht ab; diese rennende, sich bückende, drehende, kletternde comédie humane ist ihre Kreation, sowie der Miniaturenzoo ihre Schöpfung ist. Beide sind auf einem sperrigen, immens flexiblen, treffsicheren Strich gezogen; eine Welt, die niemals in die Karikatur kippt, sondern vollkommen autonom und für sich existiert. Dieser Strich ist weder illustrativ noch schmeichlerisch und schon gar nicht zu geschönt. Er umreißt knapp, ohne wie Stacheldraht zu ätze. Er wölbt Volumina, ohne die Kontur zu verlassen. Er hat seinen eigenen Willen, ohne zum abstrakten Selbstläufer zu werden. Kurz, er ist reich wie das Leben selber und fasst so ein ganz authentisches Weltbild ein.
Einen frechen Miniaturkosmos als ein Universum aus Bögen, Linien, dichteren Strichnestern.
Der Horizont , vor dem sie zeichnet, reicht von paläolithischen Höhlenbildern über den schlagenden Linienwitz Wilhelm Buschs bis zu den evolutionsgesättigten Frottagen Max Ernsts.
Ich weiß nicht, ob die Künstlerin diesen Namen zustimmt, doch sie wirft einen enzyklopädischen Reichtum zeichnerischer Möglichkeiten aufs Papier, in dem eine komplette Entwicklungsgeschichte der Zeichnung und des Zeichnerischen steckt.
Ich frage mich, ob damit neuerdings auch ein gezeichnetes Parallel-Universum der Evolution verbunden ist. Sind diese Urvögel, vogelartigen Dinosaurierhälse und Quastenflosser, nicht selber in der Entwicklung begriffen - in der Natur wie aus ihrem eigenen Strich ? Lebt in diesen Raubfischen, neben friedlich harmlosen Flossenträgern, diesem Drachenhals neben schlummernden Seehunden nicht eine natürliche Grausamkeit, fressen oder gefressen werden, friss oder stirb. So bringt Saskia Niehaus mit ihren Zeichenstrichen nicht nur ein ganzes Bestiarium, sondern ein Welt-Bild hervor.
Auch die winzigen Skulpturen reichen über sich selber hinaus. Ein Erdhaufen, in den eine Pferdeherde gesenkt ist, wird zur weiten Landschaft und verändert so völlig die räumliche Dimension. Auch diese Tiere aus Ton reagieren, wie die Zeichnungen auf Fingerdruck. In den Zeichnungen sind es Konturen, hier sind es die Volumina, die mit bildnerischem Esprit verschmelzen. Abstraktion und Witz stecken hier vor allem in einer Umgebung, die nur angedeutet und doch von starker Suggestion ist.
Unabhängig voneinander haben die Jury-Mitglieder, jeder für sich, Saskia Niehaus ausgewählt.
Jeder kam aus einer anderen Richtung - und plötzlich trafen wir uns. Bei dieser Zeichnerin, die auch wunderbar modelliert. Die Entscheidung konnte nur einstimmig sein.
Laudatio zum Zonta Art Award 2022
Dr. Martina Padberg, Kunstmuseum Ahlen
Liebe Saskia, liebe Bettina Böttinger, liebe Frau Eßer, liebe Frau Professor Schmidt- Koddenberg, lieber Jochen Heufelder, meine sehr verehrte Damen und Herren,
herzlich willkommen, heute morgen in der Fuhrwerkswaage. Ich finde es wunderbar, liebe Saskia, dass Dir in diesem Jahr der ZONTA Cologne Art Award zugesprochen wurde, und es ist mir eine große Freude die Laudatio, Dir eine Lobrede, halten zu dürfen.
Und dennoch: Ich weiß nicht, wie es Ihnen gerade geht, aber mir fällt es zunehmend schwer, mich auf das zu konzentrieren, was sonst meinen schönen Arbeitsalltag bestimmt: Eine Ausstellung vorbereiten, einen Katalog fertigstellen, eine Rede formulieren. Meine Gedanken und Gefühle sind im Moment sehr besetzt von dem, was sich „da draußen“ abspielt. Ich spüre eine eine Sorgenlast, eine Unsicherheit wie wohl nie zuvor in meinem Leben und ich frage auch zunehmend, nach der Relevanz dessen, was ich, was wir tun. Oder besser: ‚es‘, das Leben, die Welt fragen mich. Und deshalb muss ich diese Laudatio anders beginnen, als ich es wohl sonst getan hätte.
Als ich mit Dir, Saskia, bei meinem Atelierbesuch in der letzten Woche eher am Rande über die zwei zurückliegenden Jahre sprach, erinnerten wir uns beide, dass die unerhörte Vollbremsung, die im Frühjahr 2020 stattfand, zunächst auch so etwas wie eine Chance zu sein versprach. Der völlige Stillstand des öffentlichen und privaten Lebens machte es damals möglich, darüber nachzudenken, wie wir mit uns selbst, wie wir miteinander und wie wir mit dieser Welt eigentlich umgehen und in Zukunft umgehen wollen. Wie würden wir alle weitermachen, wenn die Krise eines Tages überwunden wäre? Ließe sich das globale Miteinander noch einmal ganz neu erfinden? Könnten aus Verlusten auch Zugewinne entstehen, aus Verzicht eine neue Qualität? Aber dann gab es keinen Neustart, die Chance wurde vergeben. Unser Hunger nach Ressourcen, nach dem Maximum von allem, was möglich ist, war stattdessen ganz schnell wieder da. Er schien nur eine Weile zwangsreguliert und wollte jetzt umso mehr und umso schneller befriedigt werden.
Zwischenzeitlich haben sich längst neue, noch viel dramatischere Probleme auf die weltpolitische Tagesordnung gedrängt. Benennen muss ich gar nicht, was uns da alle gerade umtreibt – aber klar ist: Es geht in diesen Wochen, Monaten, vielleicht Jahren um nichts weniger als um unsere Zukunft und um die Zukunft derer, die nach uns kommen. Vor vier Tagen sprach der UN-Generalsekretär Antonio Guterres vor der UN-Vollversammlung davon, dass unser Planet brennt, dass die Gräben zwischen Nationen und politischen Systemen tiefer und die Ungleichheit der Lebenschancen von Menschen größer werden – und dass es, wie immer, die Verletzlichsten sind, die am meisten leiden. Sehr ernste Worte in einer sehr schwierigen Zeit.
Und aus diesem Momentum heraus, anders geht es gar nicht, schauen wir auch in diesen Ausstellungsraum und auf dein Werk, liebe Saskia. Was begegnet uns? Meine erste Antwort: Das Leben! Und zwar das wirkliche Leben in seinen ambivalenten Formen und Gestalten, in seiner Vielfalt, seiner Rätselhaftigkeit, in seinen Widersprüchen. Wesenhaft verkörpert zeigt sich das Leben in deinem Werk mit all der dazugehörenden Lust und all dem Schmerz, aller Schönheit und Hässlichkeit, aller Zerbrechlichkeit und Stärke. Das Leben steckt in deinen Arbeiten, in Zeichnungen und in Skulpturen, im Gesehenen und Geformten, im Gefundenen und Gemachten, das Leben ist da drin, gerade weil es sich als ein gefährdetes, beschädigtes Leben zeigt.
Du hast mir sehr plastisch beschrieben, dass all diese Figuren, die heute die Fuhrwerkswage bevölkern, die Männer und Frauen, die Vögel, das Pferd, die Kuh, der Schwan – dass sie alle in die Welt wollen und in die Welt kommen – als von Dir erträumte, erfühlte, mit Auge, Hand und Herz hervorgebrachte Wesen. So, wie sie eben sind. Skurrile, nackte Geschöpfe, die ihre Verletzlichkeiten, ihre Bedürftigkeit und ihren Lebenswillen herzeigen und damit alles das, was wir nur mühsam unter Kleidung und Rolle verbergen können. Manchmal sind es merkwürdige Zwitterwesen aus Tier und Mensch, manchmal kuriose Liebespaare, die sich umarmen, miteinander tanzen, sich lecken, verschmelzen – einfach so ohne Scham. Sie formen sich ganz ‚handgreiflich‘ aus Ton oder Wachs, aus Papier oder Pappmaché, aus Fasern, aus gefundenen Baumzapfen, eigenen Haaren, aus Gips, Draht oder Holzstückchen. Sie wachsen oftmals Schicht über Schicht, und bleiben dann vollendet in einem unvollendeten Zustand, so als könnten sie sich später auch ohne die Künstlerin weiterentwickeln, sich noch ein weiter entfalten, ihr eigenes Leben führen und irgendwann vergehen. Und gleichzeitig bleiben sie, obwohl sie „da sind“, auch immer Material oder Linie, Farbe und Strich, Oberfläche. Sie tragen den Prozess ihrer Entstehung sichtbar in sich und an sich. Durchlässig und brüchig bleiben sie, sodass wir in sie hinein oder durch sie hindurchsehen und sie erkennen können.
Saskia Niehaus arbeitet bei aller klugen Reflexion über das, was sie tut, sehr intuitiv, wenn sie es tut. Sie lässt sich leiten von einem Geräusch, einem Ton, einer Melodie, einem Impuls, einem Zustand, einer Erinnerung, ihrem Körper. Sie lässt sich treiben, sie bewegt sich tastend vorwärts, lässt kommen, was kommt. Wenn man eine solche Weise als „spielerisch“ bezeichnet, muss man genauer definieren, was damit gemeint ist. Die Qualität des freien Spiels entdeckte die Romantik gegen Ende des 18. Jahrhunderts, also genau in dem Moment, in dem die industrielle Revolution den Menschen unter den Rhythmus von Maschine und Fabrik zwang. Das Spiel wurde zum Gegenmodell von Effizienz und Zweckdienlichkeit. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, so schreibt es Friedrich Schiller in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1794). Sich spielerisch ausprobieren wie ein Kind, sich dabei selbst vergessen und genau dadurch zu sich zu kommen! Wenn man das Glück hat, im Atelier von Saskia Niehaus zu Gast zu sein, weiß man plötzlich ganz genau, was das bedeutet. Im Sinne Schillers ist das ein Ort verwirklichter menschlicher Freiheit. Kunst und Leben fallen da ganz organisch ineinander, genauso wie Körper und Geist, wie Form und Bewegung. Das weckt Erinnerungen an Momente in der Kindheit, in der es leicht war, sich ganz hinzugeben, an eine Beobachtung, an einen Moment, an ein zielloses Tun. Es hat etwas sehr Tröstliches, dass eine solche Form der Unmittelbarkeit offensichtlich an kein Alter gebunden ist, sondern reanimierbar bleibt.
Dabei hat Saskia Niehaus dennoch einen stringenten künstlerischen Weg zurückgelegt. Seit Abschluss ihres Kunststudiums an der Akademie in Münster im Jahr 1996, arbeitet sie als freie Künstlerin in Köln und in der Eifel, und konnte ihre Arbeiten seitdem in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zeigen. Verschiedene Reisestipendien haben sie u.a. mehrmals nach Italien aber auch nach Berlin geführt. Ich bin deinem Werk erstmals vor über 20 Jahren in deiner Einzelausstellung im Sinclair Haus in Bad Homburg begegnet und habe deine unverwechselbare Bildsprache nie mehr vergessen.
Deine Wesen und Gestalten, die nun in die Fuhrwerkswaage eingezogen sind, kennen keinen Zeitgeist und sprechen doch in unsere Zeit. Man muss sie nur eine Weile betrachten – still und geduldig. In unserer hochartifiziellen, vollvernetzten, digitalisierten Welt helfen sie uns, einen Zugang zu finden zu unserer eigenen Kreatürlichkeit. Ihre mangelnde Perfektion tröstet uns über unsere Fehler und Begrenztheiten hinweg. Unserem Gefühl, nicht ausreichend zu sein, begegnen sie mit ihren Versehrtheiten. Unsere inneren und äußeren Verhärtungen weichen angesichts ihrer Zartheit und ihrer Bedürftigkeit dahin. Und in unsere ständige Aufgeregtheit hinein, erzählen sie uns ein paar lakonische Wahrheiten, zum Beispiel, dass sie auch ohne uns ganz gut zurechtkommen. Aber: „Keinen von uns lassen sie unberührt“, schreibt Susanne Blöcker sehr wahr in ihrem wunderbaren Essay im Katalog zur Ausstellung. Ja, der künstlerische Kosmos von Saskia Niehaus schenkt einen Erfahrungsraum der Empathie. Ihre Figurationen sind Einladungen zum Einfühlen und Mitfühlen. Wenn wir ihnen gegenüberstehen, erleben wir uns als Wesen, die nicht dazu gemacht sind, um ‚cool‘, um kalt zu bleiben, sondern die sich anrühren und sich bewegen lassen. Das ist ein leiser, aber starker Impuls. Ein Impuls mit Veränderungspotential. Ohne politische Themen zu verhandeln, entwickelt sich daraus durchaus auch eine politische Dimension und eine politische Qualität.
Die Tier- und Menschenwelt von Saskia Niehaus lässt uns auch erkennen, dass das Leben immer fragmentarisch bleibt und dass es unmöglich ist, sich krisenfest und sicher in der Welt einzurichten. Scheitern und Verluste gehören dazu. Das bedeutet aber keinen Mangel, das ist kein systemischer Fehler des Mensch-seins sondern kann, im Gegenteil, zu einem abenteuerlichen Leben verführen, zum „Salto vitale“. Es ermutigt dazu, sich trotz aller Widrigkeiten immer wieder beflügeln zu lassen – auch heute, in ernsten und schwierigen Zeiten.
Liebe Saskia, ich gratuliere Dir von Herzen zum Zonta Cologne Art Award 2022.
Verdichtungen o.T., Katalogtext Licht im Wasser
Prof. Dr. Raimund Stecker
"Nachdem sie gemeinsam das Kunstwerk erlebt hatten, sprachen sie hernach nicht darüber, sondern bewiesen einander der Liebe." Peter Handke – Die Geschichte des Bleistifts
Nie vorsichtig, doch immer einfühlsam. Immer direkt, doch nie eindeutig.
Nie auffällig, doch immer augenfällig. Immer gekonnt, doch nie virtuos.
Nie mich betreffend, doch immer mich mitmeinend. Immer menschelnd, doch nie sentimental.
Nie szenisch real, doch immer träumerisch wahr. Immer unterbewusst existent, doch nie an die Oberfläche der Wirklichkeit hochgespült.
Nie narrativ, doch immer Gegebenheiten vorspiegelnd. Immer figurativ gebunden, doch nie sich darin erschöpfend.
Nie bedrückend, doch immer ein wenig bedrängend. Immer (zumindest leicht) beklemmend, doch nie zuschnürend, da im Hintergrund stets auch ein auffangendes Lächeln wartet.
Nie ausweglos, da immer ironisch gebrochen – mithin offen.
Nie stilisiert, doch immer klar als Zeichnungen erkennbar, die nur von Saskia Niehaus stammen können.
Eine erzeichnete Welt tut sich angesichts der Zeichnungen, Reliefs und Skulpturen von Saskia Niehaus auf, eine, die ins Sichtbare gehoben werden muss, da sie ansonsten unentborgen bliebe.
Eine ältere Zeichnung zeigt mit feiner Linie ge- und umrissen, licht koloriert, zugespitzt farblich pointiert, aufs Wesentliche reduziert und komponierend verdichtet beispielsweise ein armlos nacktes Paar. Es kann sich nicht umschlingen – und dies nicht nur, weil es sich eben nicht zu umarmen vermag. Rücklings auf dem Boden liegend sind die beiden nämlich unter ihren angewinkelten Knien zusammen gebunden. Und die Seilenden führen in die Höhe. Auch also wird suggeriert, dass sie an einem Trapez hängen könnten. (Das Wort Trapez ruft in diesem Moment übrigens unweigerlich das Wort ratlos in mir auf, da sich Alexander Kluges „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ zwischen Anschauung und Deutungsabsicht drängt.)
Über ihnen dann, im imaginären Dreieck des Seils, ein Pferd, das nach rechts hin grast und nach links verbunden war (und noch immer leicht ist) mit vier kleinen Rädern, also einem Wagen. (Alberto Giacomettis Duisburger „Frau auf dem Wagen I“, – sie steht „noch“ in einem gerüstartigen Käfig – tritt mir vor Augen.) Hat das Pferd seine Gebundenheit an seinen Wagen verlassen? Hat es sich – übrigens eine Stute – befreit? Zeigt das Pferd, dass möglich ist, was unmöglich erscheint – eben sich von Fesseln zu befreien? Stellt die Pferdeszene eine Realutopie vor und bildet als solche einen Handlungshorizont für das Paar? Ist das eindeutige Zeichen des Pferdes als Stute ein Verweis auf eine spezifisch weibliche Befreiungsenergie? Ist Liebesenergie von den beiden Verbundenen – aber auch Gefesselten – gefordert, um sich zu befreien?
Die männliche Bereitschaft zu lieben ist offensichtlich formuliert und der Gesichtsausdruck der Frau scheint die letzte Frage positiv zu bejahen. (Saskia Niehaus ist also im Gegensatz zu Alexander Kluges Artisten nicht ratlos.)
Das Entbergen von nicht offen sichtbaren, wohl aber fühl-, wünsch- und träumbaren Szenen erweist sich ca. zehn Jahre nach ihren ersten Ausstellungen als das Quantum Kontinuum der Kunst Saskia Niehaus'. Die Zeichnungen sind im Format größer, bisweilen groß geworden. Der gezeichnete Strich nähert sich den Spuren einer Bewegung an, die nicht mehr „nur“ aus dem Handgelenk, sondern aus dem ganzen Körper heraus kommt. Kompositorisch sucht sie eine Verdichtung auch im Hinblick auf das Porträt und vor allem auf einzelne Begebenheiten hin. Und eine eigene Koloriersprache bildet sich mehr und mehr als Spezifikum ihrer Werke aus: Oft ist rot, worauf insbesondere das Augenmerk gerichtet werden soll. Und dieses „Auspunkten“ gilt auch für solche Werke, die sich entfernen von der Schilderungsfläche des Blattes. Dies gilt sowohl für ihre aus Papierpulp geschöpften, sich leicht von der Wandfläche wölbenden, also zum Relief sich neigenden Arbeiten. Wiewohl es auch in ihren Skulpturen zu finden ist, die bisweilen durch ihre wächserne Oberfläche auch Einblicke in subkutane, farbige Schichten oder Unterhäute geben, also dünnhäutig daherkommen. (Die Köpfe von Medardo Rosso scheinen hier Orientierung gegeben zu haben.)
Die Veränderungen (gern spricht man ja auch von Entwicklungen) in ihren Werken sind zweifelsfrei Verdichtungen! An die Stelle zweier oder auch mehrerer Szenen, die miteinander korrespondieren, die einander bedingen, tritt oftmals eine einzige Schilderung, eine, die sich nunmehr zum Beispiel aufgrund feiner ausgearbeiteter Physiognomien aber keineswegs als weniger komplex erweist.
Erwartungsgeladen verängstigt kauert so beispielsweise ein kaum mehr „Mann“ zu nennendes, gleichwohl aber eindeutig als männlich farblich akzentuiertes Wesen auf dem Boden. Bedroht oder imponiert zeigt er sich von einem offensichtlich jedweder Erektionsprobleme ledigen, sich vor ihm aufbäumenden übergroßen Kater. Eine andere Arbeit stellt zwei maskenhafte Wesen vor – lachend, grölend Urlaute ausstoßend. Sie begegnen einander als aus Ton geformte Skulpturen. Stehen sie nebeneinander, so ist der Betrachter eingebunden in ihre „Performance“, stünden sie sich aber gegenüber, so geriete der Betrachter in die Zuschauerrolle und das skulpturale Ensemble gerierte sich zur Szene.
Aber Saskia Niehaus stellt sie eben eindeutig nebeneinander. Sie konfrontiert folglich unzweideutig den Betrachter mit der Szene, bindet ihn also ein und verunmöglicht so eine gleichsam aus dem Theater gekannte Distanz. Hierin liegt die Wendung, die sich im Laufe des vergangenen Dezenniums in ihrer Kunst eingestellt hat: Der die Werke betrachtende Betrachter wird zum an der Szenerie teilnehmenden Teilnehmer. Und in Bezug zu den beiden aufgrund ihrer Nichtkolorierung wie Schatten dastehenden Wesen: Die beiden blöken mich an – oder halten sie gar mir den Spiegel vor?
Das Wort existentiell ist schnell geschrieben, will man Kunst dergestaltiger Intensität auf einen kommunizierbaren Nenner bringen. Es klingt ernsthaft, macht betroffen und gibt dem Gesagten eine Aura von Nichthinterfragbarkeit.Existentiell ist der Häufigkeit seines Worteinsatzes folgend heutzutage vieles. Nahezu inflationär, und mithin in der Komplexität seines Gehaltes bedroht, scheint sich das Existentielle in allen Lebensbereichen als Seriösitätshorizont eingenistet zu haben.
Wie soll man nun mit der Bezeichnung existentiell umgehen, wenn das Bezeichnete wie im Falle der Werke von Saskia Niehaus zutiefst existentiell ist? Eben, man muss damit beginnen, den Wortmissbrauch zu benennen, um der Wortbedeutung zu der ihr eigenen Aussagekraft (wieder) zu verhelfen.
Die Werke von Saskia Niehaus geben beispielsweise mindestens auf zwei Ebenen zu erfahren, wie sich Existenzielles heute zeigt. Sie geben zum einen zu erfahren, was es bedeuten kann, zeichnen, malen und skulpieren gleichsam zu müssen, um das Leben in einen operativen Griff zu bekommen. Eine für Künstler zweifellos wesenhafte Erfahrung. Und – zum zweiten – sie geben anschaulich wahrzunehmen, wie von den eigenen Existenzbedingungen nicht abzusehen ist, vertieft man sich in sie. Eine für jeden Betrachter höchst gewinnbringende Dimension.
Der Horizont, unter dem das Sehen der hier zu verhandelnden Werke sich zu ereignen vermag, ist so sichtbar gemacht. Die sich befreit zu haben scheinende, nackte Tänzerin auf dem mundwunden Elefanten ist dennoch offensichtlich gefährdet. (Das Rot steht im Bilde wie das wundrote Innenfutter im Porträt Pedro Romeros von Francisco de Goya.) Allein das Riesentier scheint noch in der Lage, sie aufzufangen. Und nichts deutet darauf hin, dass dies nicht geschehen wird. Denn die Zeichnung (und zwar die Zeichnung als Zeichnung, nicht die Darstellung) gibt dem Auge das Vertrauen, dass aufgefangen wird, wer zu springen beabsichtigt. (Eine humane Dimension, wie man sie zuletzt aus Zeichnungen von Thomas Schütte oder auch Thomas Lehnerer kennt.)
Die beiden untrennbar verwobenen Ebenen der Werke sind benannt: die der Erzählung, der Schilderung, der Darstellung und die der Art und Weise der Erzählung, der Schilderung und der Darstellung, die dem Erzählten, Geschilderten und Dargestellten bildliche Anschauung verleihen. Und Letzteres – das Rhetorische oder Grammatische – geschieht in der Kunst von Saskia Niehaus nie virtuos gelöst vom Inhaltlichen, sondern immer untrennbar mit ihm gebunden. Gebunden zu einer den Gehalt formulierenden, offenkundig von einer einfühlsamen Künstlerin unentfremdet verantworteten Einheit – zu einer aus Künstlererfahrungen transformierten Welt, die (auch) den Betrachter auf seine Existenzbedingungen zurückwirft.
Publikationen
Braentschu – 8 Radierungen in Aquatinta und Aquaforte von Saskia Niehaus zu 3 Textminiaturen von Thomas Hettche, Canopo Edizioni, Prato
Körpertexte – Regina Ray
